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„Requiem“ bei Wiener Festwochen: Mozarts Todestanz zum Leben

Ausnahmemoment: Die Wiener Festwochen zeigen als Prolog Mozarts „Requiem“ in der Inszenierung von Romeo Castellucci.

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Kraft der Bilder, Kraft der Symbole: Romeo Castellucci beeindruckt mit Mozarts Requiem.
© Pascal Victor

Von Stefan Musil

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Wien – Der Tod wohnt dieser Totenmesse doppelt inne. Mozart starb über dem Lacrimosa. Genau hier erlaubt sich auch Theaterkünstler Romeo Castellucci in seiner theatralischen Visualisierung ein Innehalten. Er lässt eine Amen-Sequenz anschließen, ein kurzer inniger Chorgesang, von Mozart als Fragment hinterlassen, der bald abbricht.

Die Menschen auf der Bühne erstarren, verstummen, bis alles ins Dunkel zusammenstürzt.

Dort, wo kurz davor noch in südöstlichen Trachten im „Confutatis“ durch eine bukolische Landschaft mit Bäumchen und herbeigeschleppten Erdhaufen getanzt wurde. Denn Castelluccis Sicht auf Mozarts „Requiem“ kehrt die Vorzeichen um. Es feiert die Vergänglichkeit, der Tod tanzt für das Leben. Der großartig singende und agierende Pygmalion Chor sowie das Pygmalion Orchester unter Raphaël Pichon sind mit ihrem lebendigen, höchst stimmigen Musizieren ideale Komplizen. Blendend die Tänzer, gut gewählt auch die Solisten mit Sandrine Piau und Sara Mingardo voran, sowie Anicio Zorzi Giustiniani und Nahuel di Piero.

Der Abend im Museumsquartier, in Koproduktion mit dem Festival von Aix-en-Provence, ergänzt das Requiem um passende Mozart-Gesänge. Nur am Beginn tönt leise ein gregorianischer Choral. Man sieht eine alte Frau, wie sie den Fernseher abschaltet, sich ins Bett legt, in diesem verschwindet. Dann Mozart. Nach „Requiem aeternam“ folgt das Kyrie, zu dem die Chor-Herren im rituellen Opfertanz eine Frau umkreisen. Dahinter wird ein „Atlas des Sterbens“ projiziert. Es erscheinen den Abend lang Namen ausgestorbener Tiere, Völker, untergegangener Reiche, verlorener Kunstwerke, verschwundener Bauten. Nichts ist für die Ewigkeit. Die junge Frau legt sich hin, und wird vom Basssolisten mit Kalk bestreut. Er singt aus „Thamos in Ägypten“: „Nicht Staub noch Asche sollen hochmütig über dich walten.“ Da tritt die Alte mit einem Mädchen auf. Sie nehmen, wie die drei Lebensalter, die Frau in ihre Mitte. „Gib Licht und Hilfe“, singt der Chor dazu, bis, zurück im Requiem, alle bei „Dies Irae“ den Tag der Verdammnis im Kreis wegtanzen.

Castellucci bemüht sein ganzes Vokabular, öffnet sein rätselhaftes Fantasiereich, der tiefsinnigen, manchmal auch sehr bunten Bilder, Assoziationen. Nach dem „Lacrimosa“ wird die herbeigetragene Erde verteilt. Zum Offertorium folgt ein Flechttanz, im Benedictus fährt ein riesiger Strahlenkranz aus dem Himmel. Davor ein Autowrack, vor dem einer nach anderen in seiner letalen Unfallposition posiert. Zum Finale dreht Castellucci alles noch einmal um. Beim „Lux aeterna“ verdunkelt sich die Bühne. Zur Bitte um ewige Ruhe und ewiges Licht ziehen sich die Choristen aus, krümmen sich nackt wie die Verdammten des Jüngsten Tages. Hinter ihnen erscheint das aktuelle Datum. Doch Hoffnung bleibt: Der Bühnenboden kippt senkrecht, Erde, Kostüme rutschen herab. Der Boden ist wieder frei, davor setzen die Frauen ein Kleinkind hin und gehen. Zum gregorianischen Choral „In paradisum“ senkt sich der Vorhang über einen Abend, der tief berührt zurücklässt.

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