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„Reich des Todes“ am Akademietheater: Finsternis der (Kopf-)Bilder

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Überbordend. Regisseur Robert Borgmann sorgt in „Reich des Todes“ für Bilderfluten, die ins Nichts laufen.
© Marcella Ruiz Cruz

Von Bernadette Lietzow

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Wien – Vom Empfinden von Zeit, ihrer Funktion für Bedrängte in Foltergefängnissen, in NS-Konzentrationslagern, ist in Rainald Goetz’ Theatertext „Reich des Todes“ die Rede. Viel banaler für einen anspruchsvollen Theaterabend ist die Frage, wie aufmerksam mit der Zeit des Publikums umgegangen wird.

Und da sieht es düster aus für die österreichische Erstaufführung dieses mit kruden Inhalten und problematischen Analogien operierenden Werks des 1954 in München geborenen Mediziners, Historikers und Ravers Goetz, dessen blutige Stirn-Schnitt-Performance in den 1980er-Jahren in die Annalen des Bachmann-Preises einging.

Um es vorwegzunehmen: Dreieinhalb Stunden Grauen mit etwas Revue, Travestie und viel Deklamation lassen einen nicht nachdenklich, sondern seltsam angefüllt mit leerem, fraglichem Phrasenwust zurück.

Goetz entwickelt sein Stück entlang des Anschlags auf das World Trade Center am 11. September 2001 und führt in den „Hades“, als Täter- wie Opferort, einmal Weißes Haus, dann Abu Ghraib mit Auskragungen in die NS-und Nachkriegszeit und zu Diktatoren-Hinrichtungen von Ceausescu bis Saddam Hussein. Betritt man den Zuschauerraum des Akademietheaters, wird man empfangen von an Rave geschulten Beats von Carsten Nicolai aka Alva Noto und macht unter einem schwebenden blutroten Rechteck eine tanzende Truppe an Statisten in weißer, an Unterwäsche gemahnender Bekleidung aus.

Die Menschenmenge wird schließlich zu Boden gehen und von schwarzen Gestalten mit Erde bedeckt. Kurz betritt, als 9/11-Opfer, der große Martin Schwab die Bühne, er wird, gleichsam Alpha und Omega, erst am Ende mit einem gefühlt endlosen Monolog wiederkehren, einer ärgerlichen wie selbstreferenziellen Reflexion zu Bild wie Abbildung von Gewalt.

In den Stunden zuvor sorgte Regisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann schon für einen ziemlichen „Overload“ an jenen Bildern, über die das Nachdenken verordnet wird. Ein in Frack wie weißen Tüll mit Krönchen gehülltes „Jungdamen- und Jungherren-Komitee“ übt sich in Kriegslärm-umtostem Walzertanz. Im „Weißen Haus“ trainiert man die Fundierung eines „starken Staates“, adrett in blauem Kostüm die Sicherheitsberaterin (Andrea Wenzl), mächtig und machtbewusst Präsident Bush (Marcel Heupermann).

In Braunhemd und schwarzen Breeches-Hosen (Kostüme: Bettina Werner) quälen die berüchtigten US-amerikanischen Abu-Ghraib-Täter*innen einen Gefangenen, was, wie schon bemerkt, höchst problematische Analogien herstellt.

Wie gewandt das Ensemble auch agiert, so gestaltet Mehmet Atesçi in glamouröser Robe seinen Folteropfer-Monolog berührend, sind Christoph Luser wie Felix Kammerer, Elisa Plüss wie Safira Robens in ihren vielfältigen Rollen beeindruckend: Es stellt sich weder eine Einfühlung in das Wollen des Autors noch in das Wollen des Regisseurs ein.

Am Ende der samstäglichen Premiere gab es von jenen Besucher*innen, die ihr Heil nicht in der Pausenflucht gesucht hatten, dann doch kräftigen Applaus mit ein paar vereinzelten Buhs.


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