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Osterfestival im Salzlager Hall: Trauer folgt Freude und Zuversicht

Im Rahmen des diesjährigen Osterfestivals gastierte die Schola Heidelberg mit dem ensemble aisthesis im Salzlager in Hall.

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Die Schola Heidelberg glänzt mit SolistInnen aus den eigenen Reihen wie Peyee Chen (Sopran).
© Hauser

Hall i.T. – Unter dem Eindruck des aktuellen Kriegsgeschehens weltweit, nicht nur jenes an Europas Grenzen, wird einem die Vergänglichkeit alles Irdischen eindringlich vor Augen geführt. So paradox es klingen mag, die in Musik gefasste Weltabgewandtheit und Todessehnsucht des barocken Protestantismus wie jene Johann Sebastian Bachs vermag in solchen Zeiten, und nicht nur in solchen, ungemein Trost zu schenken.

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Mit der Kantate BW 103 „Ihr werdet weinen und heulen“ eröffnete die Schola Heidelberg mit dem ensemble aisthesis unter der Leitung von Walter Nußbaum das sonntägliche Osterfestival-Konzert im Salzlager Hall. Klangschön, stringent und homogen interpretiert hört man Bachs Werk des Öfteren, doch die von Bach thematisierte Zusammengehörigkeit von Leiden und Erlösung so tiefgreifend ausgelotet selten. Auch dank der exzellenten SolistInnen aus den eigenen Reihen, Peyee Chen (Sopran), Terry Wey (Altus) und Hansjörg Mammel (Tenor).

Die Fragestellung, wie man linienorientierte, kontrapunktische Passagen alter Schule mit modernen harmonischen Ausdrucksformen verbinden und mit dem Erlösungsgedanken in Einklang bringen kann, faszinierte Jan Dismas Zelenka. Seine Misere c-Moll ist die überzeugende Antwort darauf. Beeindruckend empfunden und transportiert, vernahm man die schmerzlich fortgesponnenen, dissonanten Akkordschläge in Zelenkas Misere. Bemerkenswert die Durchsichtigkeit des Klangbildes, die artikulatorische Genauigkeit und rhetorische Struktur.

Charles Ives’ The unanswered Question (Die unbeantwortete Frage, 1906), ein raffiniertes Frage-Antwort-System, gehört zu den Schlüsselkompositionen des 20. Jahrhunderts. Ives bot u. a. damit ein radikales Bild einer Musik, die weit über den Schönheitsbegriff hinausging. Von der Schola Heidelberg wurde dieses Frage-Antwort-System sinnfällig gemacht, wie auch Ives’ Psalm 67. Wie aus der Ferne hörte man anklagende Fragen und die so beunruhigenden quirlig-verqueren Antworten.

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Als Reaktion auf den großen Bach standen auch zwei österreichische Erstaufführungen auf dem Programm: Berthold Tuerckes Kassandra-Male (2020) und Lisa Streichs Rememory (2021/22), zwei sehr persönliche Positionen, mit Bezug auf Ingeborg Bachmann bzw. Toni Morrison: zwei hochkomplexe Schöpfungen, in denen Poesie und kalligrafische Gesten mit rhythmisch präzise getimten (a)tonalen Texturen in einem semantischen und klanglichen Changieren von außerordentlicher sinnlicher Präsenz verschmelzen. Doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden, heißt es in Bachs Kantate BW 103 – wohl so etwas wie „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Und so wollen wir hoffen. (hau)


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