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Lust am Text: 20. Prosafestival in Innsbruck startet am Donnerstag

Weil Witziges beim Bachmann-Wettbewerb lange nichts galt, gründeten Markus Köhle und Robert Renk 2003 das Prosafestival. Heuer findet es zum 20. Mal statt.

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Markus Köhle und Robert Renk.
© Schneider

Innsbruck – Irritation kann zum Anstoß für Neuerungen werden. Der erdenschwere Ernst mit dem bei den alljährlichen Tagen der deutschsprachigen Literatur, vulgo Bachmann-Wettbewerb, alles, was sich den vermeintlichen Vorgaben seriöser Schreibarbeit entzieht, abgeurteilt wird, habe ihn irritiert, sagt Robert Renk: „Die große Kunst des Komischen, der leisen und manchmal auch etwas lauteren Ironie, wurde oft als Blödelei abgetan. Thomas Kapielski etwa las in Klagenfurt einen der witzigsten Texte überhaupt, aber das wurde von den so ernsten Herren und Damen in der Jury überhaupt nicht ernst genommen“, sagt er.

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Renk spricht von den frühen Nullerjahren – und unterstreicht, dass sich seither auch beim Wettlesen in Klagenfurt viel getan hat. Damals aber wollte Renk der ausgestellten Ernsthaftigkeit etwas entgegensetzen: „Weniger Bemühen um Bedeutungsschwere, mehr Lust am Text“, sagt er.

In Markus Köhle fand sich schnell ein Mitstreiter für dieses Unterfangen. Köhle hatte gerade im von Renk geleiteten Innsbrucker Kulturzentrum Bierstindl seine Pionierarbeit in Sachen Poetryslam begonnen. Dass Tirol bis heute einer der Hotspots in Sachen Slam-Poesie ist, ist einer der Verdienste Köhles. Gemeinsam gründeten Köhle und Renk die „Innsbrucker Tage der jungen deutschsprachigen Literatur“. Im Frühjahr 2003 fanden sie erstmals statt. „Wir haben uns zunächst ganz stark auf den Bachmann-Wettbewerb bezogen – und das unterstrichen, was wir anders machen wollten: kein Wettbewerb, keine Jury, aber viele Autorinnen und Autoren, von deren Qualitäten auf dem Papier und auf der Bühne wir überzeugt waren – und denen wir größtmögliche Aufmerksamkeit wünschten“, sagt Markus Köhle.

Natürlich stand Kapielski 2003 auf der ersten Gästeliste. Aber auch Kathrin Resetarits, die sich erstmals außerhalb von Wien als Autorin präsentierte, und der spätere Buchpreisträger Xaver Bayer. Aus Berlin wurden Jochen Schmidt und Volker Strübing eingeflogen. „Zwei erklärte Reisemuffel“, erinnert sich Renk. Bis dahin jedenfalls: Strübings erster Flug ging nach Innsbruck. Inzwischen dreht er Reisereportagen fürs Fernsehen.

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Der Schmäh mit dem Anti-Klagenfurt hat sich allerdings bald erschöpft. „Irgendwann hieß das Prosafestival dann einfach Prosafestival“, sagt Markus Köhle. Schon bei den zweiten Innsbrucker Tagen der jungen deutschsprachigen Literatur im Frühjahr 2004 trat mit Sibylle Lewitscharoff eine in Klagenfurt bepreiste Autorin auf. Überhaupt liest sich das zweite Programm aus heutiger Perspektive spektakulär: Daniel Kehlmann, der im Jahr darauf mit der „Vermessung der Welt“ einen Weltbestseller vorlegte, war da, Thomas Glavinic, Kathrin Röggla – und Bernhard Aichner gab, lange bevor er mit Broll, Blum und Bronski seine Lust am gepflegten Morden entdeckte, den Lokalmatador. Illuster ging es weiter: Marc Uwe Kling – noch so ein Auflagenkaiser im Werden – war 2007 zu Gast und ließ sich die Platten, die der für die Abschlussparty aus Berlin mitbrachte, auf dem Postweg retournieren; Clemens J. Setz – inzwischen Büchnerpreisträger – und Anna Kim waren 2011 zu Gast; Frank Schulz, Großmeister des grotesken Humors und 1994 glückloser Bachmannpreis-Kandidat, gab 2015 seine bis dato südlichste Lesung in der Innsbrucker Bäckerei. Es kamen Gäste, die nicht lesen wollten, wie Tex Rubinowitz, der es 2015 als amtierender Bachmannpreisträger vorzog, einfach zu erzählen. Und es gab Gäste, die nicht lesen durften: Urs Mannhart konnte im selben Jahr nur Motti vortragen, weil sein Roman „Bergsteigen im Flachland“ Gegenstand einer – inzwischen zu seinen Gunsten ausverhandelten – Plagiatsaffäre war.

20. Prosafestival

Donnerstag, 7. April: Zum runden Geburtstag leistet sich das Festival ein Vorspiel mit Stefan Kutzenberger in der Innsbrucker Stadtbibliothek. Beginn ist 18 Uhr. Ab 20 Uhr lesen dort: Nava Ebrahimi, Noemi Somalvico, Andreas Pavlic und Ralf Schlatter.

Freitag, 8. April: In der Innsbrucker Buchhandlung Wagner’sche lesen Simone Buchholz, Elias Hirschl, Verena Roßbacher und Urs Mannhart. Beginn: 20 Uhr.

Samstag, 9. April: Am dritten Festivaltag stehen Jaroslav Rudiš, Ulrike Haidacher, Ferdinand Schmalz und Lisa Krusche auf der Bühne des Innsbrucker freien Theaters Brux. Beginn: 20 Uhr.

Mittwoch, 13. April: Das Prosafestival lädt zum Postskriptum mit Antonio Fian und Christoph Simon in die Buchhandlung Wagner’sche. Beginn: 19.30 Uhr.

Infos zum Programm: prosafestival.wordpress.com

Es kam auch zu bewegenden Auftritten: Etwa den von Sharon Dodua Otoo – auch sie gewann bereits in Klagenfurt – im Vorjahr. Und es gab seltsame Momente. Aber auch Jungautoren, die gestandenen Prosaprofis das mit dem Schreiben einmal und ganz grundsätzlich erklären wollen, gehören bei einem Literaturfestival, das etwas auf sich hält, dazu. Spätestens bei der Party nach dem Lesemarathon ist man auch fürs Seltsame dankbar. Außer es steht wie 2017 Thomas Meinecke am DJ-Pult. Da braucht es keine Eisbrecher.

Heute Abend startet das Innsbrucker Prosafestival in seine 20. Auflage. Köhle und Renk haben das Programm aus diesem Anlass – siehe Kasten – um ein Warm-up und ein Postskriptum erweitert. Zum Auftakt hat sich mit Nava Ebrahimi die amtierende Bachmann-Preisträgerin angekündigt. (jole)


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