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Nach Butscha: Auf der Suche nach der schrecklichen Gewissheit

Im Kiewer Vorort Butscha hat die Polizei mit der Identifizierung der Opfer begonnen. Viele Menschen bleiben weiterhin vermisst. Angehörige geben die Hoffnung nicht auf. Sie wollen Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten bekommen.

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Ein Grab von zwei Zivilisten, die in einem Hinterhof in Butscha begraben wurden.
© dpa

Kiew/Moskau – Oleksandr Kowtun aus Butscha hat noch Hoffnung. Vielleicht wurde sein vermisster Sohn von der russischen Armee entführt und ist noch am Leben. Tetiana Ustymenko hingegen kennt schon die schreckliche Wahrheit: Ihr Sohn und zwei Freunde wurden erschossen. Nach dem Abzug der russischen Truppen versuchen die Menschen in der ukrainischen Stadt, Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten zu erlangen.

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Auf einer windgepeitschten Wiese auf dem Friedhof liegen etwa 50 Leichensäcke. Polizisten versuchen die Toten zu identifizieren. Alle paar Minuten öffnen sie einen neuen Sack. In einem liegt eine Frau, ihre Arme verbergen das leblose Gesicht. In einem anderen scheint der erstarrte Tote als würde er stramm stehen. Manche der schwarzen Hüllen enthalten nur verbrannte und abgetrennte Körperteile.

Stadt über einen Monat besetzt

Ein Polizeibeamter steckt einen handgeschriebenen Zettel in einen Leichensack. „Butscha, Mann, etwa 30 Jahre alt", steht darauf. „Augen offen. Körperliche Verletzungen an der linken Seite des Unterleibs, am Hals und an den Händen."

Oleh Onyschtschenko ist auf der Suche nach seiner Schwägerin Tamila und deren 14 Jahre alter Tochter. Er fürchtet, dass sie bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. Doch vielleicht kann er sie anhand des Eherings identifizieren. Die beiden hätten in einem geliehenen Auto aus Butscha zu fliehen versucht, berichtet der 49-Jährige. Kurz darauf habe ein Video den Wagen in Flammen gezeigt. „Vor einem Monat hätte sich niemand vorstellen können, dass so etwas möglich ist", sagt Onyschtschenko.

Die Stadt wurde komplett zerstört.
© IMAGO/Vladyslav Musienko

Butscha, eine Pendlerstadt vor den Toren Kiews, wurde bereits in den ersten Tagen der russischen Invasion eingenommen und über einen Monat besetzt gehalten. Die ukrainische Regierung wirft Moskau vor, dort ein „Massaker" an der Zivilbevölkerung angerichtet zu haben.

„Er ging in die Stadt und kam nicht zurück"

Über der Tür in der Kyjiw-Myrozka-Straße hängt Trauerflor. Davor steht ein von Schüssen durchlöchertes Auto, auf dem Beifahrersitz eine Lache aus geronnenem Blut. Hier wohnt Tetiana Ustymenko. Ihr Sohn Serhij wollte sie aus Butscha herausholen, aber die Mutter weigerte sich.

Der 25-Jährige kam trotzdem – ohne ihr Wissen mit seinen Freunden Maksym und Nastia. „Ich hörte Schüsse, aber ich war sicher, dass Serhij nicht da war", erzählt Ustymenko. „Dann klingelte das Telefon und ein Nachbar sagte mir, dass ein Auto beschossen wurde und dass mein Sohn tot sei."

© RONALDO SCHEMIDT

Ein Scharfschütze habe Serhij in den Rücken, Maksym in die Stirn und Nastia in die Beine geschossen, sagt die Mutter. Drei Tage lagen die Toten im Freien, bevor Tetianas Mann Valeriji die Leichen barg, wusch und mit Hilfe der Nachbarn begrub – am Ende des Gartens, hinter den Narzissen. Drei Zweige markieren die Grabstätten, auf einer liegt das abgebrochene Blatt einer Schneeschaufel. Serhij hatte das Schaufelblatt abgebrochen, es gab Streit deswegen. „Ich habe es hier hingestellt, um zu sagen: ,Vergib mir, mein Sohn'", sagt Ustymenko.

Oleksandr Kowtun weiß noch nicht, was mit seinem 19 Jahre alten Sohn Oleksij passiert ist. „Er ging in die Stadt und kam nicht zurück", sagt der Vater. Er klammert sich an die Vorstellung, dass die Russen ihn verschleppt haben könnten – ebenso wie es von einem anderen jungen Mann aus der Straße erzählt wird. „Mein Sohn kannte ihn", so Kowtun. „Wir haben mit einer Frau gesprochen, die sich mit solchen Fällen befasst. Es gibt keine andere Hoffnung für uns." (APA/AFP)


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