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Ulrich Seidls „Rimini" im Kino: Schlager-Gigolo an der Adria

In „Rimini“ lässt Ulrich Seidl den alternden Schlagersänger Richie Bravo wieder aufleben. Der Film feierte bei der Diagonale Österreichpremiere und kommt heute in die Kinos.

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Schauspieler Michael Thomas brilliert in der Rolle des abgehalfterten Schlagersängers Richie Bravo in Ulrich Seidls „Rimini“.
© Filmladen

Von Marian Wilhelm

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Graz, Innsbruck – Im Schlager „Schwarze Madonna“ von Bata Illic verbietet der Sänger seiner Angebeteten zu weinen und verspricht ihr, dass morgen wieder die Sonne scheinen werde. Diese wehmütige Aufmunterung kann auch Filmheld Richie Bravo gut gebrauchen, als er das Lied im Wurlitzer auswählt. Im Party-Keller seines Elternhauses. Die Mutter ist gerade gestorben, der Vater dement im Altenheim. Doch in einem wunderbaren Moment am Beginn von Ulrich Seidls „Rimini“ erlaubt er seiner Hauptfigur Richie eine zärtliche Wiederbegegnung mit seinem jüngeren Bruder Ewald (gespielt von Georg Friedrich). Aus einer ersten langen Filmversion über das Brüderpaar schälte Ulrich Seidl zwei Filme über die beiden heraus. „Rimini“ ist der erste, der im Februar auf der Berlinale präsentiert wurde. Mit dem zweiten Film „Sparta“ will Seidl noch heuer zu einem weiteren Festival.

Zunächst aber nun der große Auftritt von Richie, der Lebensrolle von Michael Thomas. Der alternde Schlagersänger lebt im titelgebenden Badeort in seiner Villa Bravo, irgendwo zwischen Wiener Exilant und italienischer Kunstfigur. Auftritte mit viel „Amore“ vor deutschsprachigen Bustouristinnen halten ihn über Wasser. Und wenn das Geld für den Grappa und den einarmigen Banditen nicht mehr reicht, bringt Richie den Urlauberinnen das kleine Urlaubsglück auch schon Mal aufs Hotelzimmer. Seidl zieht seinen Gigolo gewohnt schonungslos bis auf die Unterhose und weiter aus.

Vielleicht liegt es an Michael Thomas’ unerschütterlich aktiver Interpretation, dass dennoch nie Mitleid oder Abscheu die Oberhand gewinnen, wie bei vielen von Seidls früheren, ähnlich abseitigen Porträts. Dieser Richie verachtet sich selbst nicht und behält Haltung auch im Untergang. Und wenn er auf einer kleinen Hotelbühne zum Mikrofon greift, einen seiner Schlager trällert während im Hintergrund die Autos vorbeirauschen, blitzt für einen Moment der junge Mann auf, der er einmal war. Das passt zu den nostalgischen Liedern, die Fritz Ostermayer und Herwig Zamernik für ihn und den Film geschrieben haben.

Rimini

Ab 16 Jahren. Ab heute im Kino.

„Rimini“ ist zugleich auch ein Porträt der Urlaubsdestination an der Adria, ein Ort im Winterschlaf. Richie wandert im Ledermantel über den nebligen Strand, verloren, trostlos, ziellos, wie einst Alain Delon im Melodram „Oktober in Rimini“. Ohne Handlung wäre „Rimini“ ein wunderbarer Dokumentarfilm. Der etwas orientierungslose Plot des Films ist – trotz der einnehmenden Hauptfigur – aber auch der Schwachpunkt des Films. Richie begegnet in einigen künstlich-konfrontativen Szenen seiner Tochter (wenig überzeugend: Tessa Göttlicher). Sie fordert den nie gezahlten Unterhalt ein, er will die verlorene Zeit wiedergutmachen. Der Film bewegt sich mit seinem rastlosen Protagonisten durch einen Küstenort, der bis auf die überall auf ihre politische Erlösung wartenden Flüchtlinge menschenleer ist. Gegen Ende singt Richie allein in seinem Wohnzimmer im Duett mit Udo Jürgens das Meisterwerk „Griechischer Wein“ mit. Im Schlager ist er wieder mit der Welt versöhnt.

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„Rimini“ wurde bei seiner Österreichpremiere am Mittwoch bei der Grazer Diagonale recht euphorisch beklatscht. Und auch Richie Bravo lebte über die Leinwand hinaus weiter. Schlager-CDs und Autogrammkarten signierte Michael Thomas im Anschluss mit „Herzlichst, Richie“.


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