Entgeltliche Einschaltung

Haller Osterfestival: Mit Klang und Geräusch das Leben gefasst

Zeitgenössisches von Vaggione bis Jodlowski beim Osterfestival im Haller Salzlager.

  • Artikel
  • Diskussion
Das Ensemble PHACE, in welcher Konstellation auch immer, in jeder Phase hochkonzentriert und packend.
© Hauser

Hall – Mit zeitgenössischer Musik verhält es sich meist so wie mit zeitgenössischer Kunst. Ohne Erläuterung des Konzepts will sich die Substanz des Werkes für die, die schauen oder zuhören, oft nicht erschließen. Der ideale Ansatz, avantgardistischer Musik zu begegnen, ist wohl der, sich bedingungslos auf ein Hörerlebnis einzulassen und zu beobachten, was auf emotionaler Ebene mit sich selbst passiert. Denn Musik war, ist und bleibt keine reine Kopfsache.

Entgeltliche Einschaltung

Jede Menge erfüllende Momente für Kopf und Bauch bot der unter das Motto „Shifting Mirrors“ gestellte Konzertabend mit dem Ensemble PHACE am Mittwochabend im Salzlager Hall im Rahmen des Osterfestivals. Instrumental- und elektronische Klänge, Geräusche, Zitate oder Ideensplitter aus der sich stetig (vorwärts) bewegenden Musikgeschichte, vom konnotierten Klangereignis bis hin zum unbestimmten Rauschen, all das und viel mehr galt es emotional und intellektuell zu verarbeiten.

Das 1991 gegründete und 2010 erneuerte Ensemble unter der Leitung von Simeon Pironkoff sind unumstritten ideale Interpreten. „Timpani Trek“ (2018) des 1943 in Argentinien geborenen und seit vierzig Jahren in Paris lebenden Horacio Vaggione und dessen „Shifting Mirrors“ (2016) sind ein perkussives Spiel mit Klangräumen und Klangebenen, sind ästhetische Expeditionen in entlegenste Bereiche, die Vaggione als Klangschöpfer und Klangforscher gleichermaßen ausweisen.

Lorenzo Troiani hört sich selbst und das ganze Universum, wenn er, das Ohr an einer Muschel, innere Klangwelten belauscht, und nennt sein Werk „La vita delle conchiglie“ (2020). Mit der Vielseitigkeit korrespondierend, ist es der freie und unkonventionelle Blick auf die Musik als Kunst des Klingens und Hörens.

Helmut Oehring versucht in „Locked – In“ (1992) das so genannte Locked-in-Syndrom, einen Zustand dem Wachkoma ähnlich, musikalisch zu fassen. Impulsive Klangereignisse dicht an dicht sind da stets durch präzise Rhythmik und einen formalen Instinkt gebannt.

Auf eine nicht weniger explizit subjektive Kompositionsstrategie fokussiert ist Mirela Ivec˘ević, wenn sie mit „Lil“ das emotionale Potenzial der ersten Frau Adams und damit ureigenen Befindlichkeiten des Menschlichen auf den Grund geht. Ungemein sinnlich, impulsiv und selbstbestimmt ist ihre Lil definitiv nicht Adam untertan.

Pierres Jodlowski wiederum versucht in „This Leads to an Emotional Stasis“ einen zeitlosen Zustand, so etwas wie die Wahrnehmung nach dem Tod, zu beschreiben. Das Ergebnis ist ein klangliches und semantisches Changieren, von Archaischem in die Zukunft weisend. Theatralisch aufgemacht, ein mehrdeutiges Spiel mit Wirklichkeiten. Kopf und Bauch bestens bedient! (hau)


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung