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Trotz brutalen Kriegs in Ukraine: Moskau will am 9. Mai groß feiern

Russlands Präsident Wladimir Putin führt sein Land mit dem Angriff auf die Ukraine in ein Desaster. Dennoch will das Regime im Kreml an den Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestags des Sieges über Nazideutschland festhalten.

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Russlands Präsident Wladimir Putin.
© IMAGO/Mikhail Klimentyev

Von Ulf Mauder/dpa

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Kiew, Moskau – Russlands "heiligster Feiertag" – der Tag des Sieges der Sowjetunion am 9. Mai über Hitlerdeutschland im Zweiten Weltkrieg – soll "wie gewohnt" über die Bühne gehen. "Wir werden ihn so feiern, wie wir ihn immer feiern", sagt Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Die Vorbereitungen laufen bereits für die traditionelle Militärparade auf dem Roten Platz, bei der Tausende Soldaten aufmarschieren und die Atommacht Panzer, Raketen und Kampfflugzeuge zur Schau stellt.

Aber weil Russland Krieg führt in der Ukraine, damit Verwüstung über das Land bringt und den Tod vieler eigener Soldaten in Kauf nimmt, fällt schon jetzt ein dunkler Schatten auf das Großereignis.

Russische Erzählung erhält auch intern Risse

Offiziell bestätigt sind bisher auf russischer Seite 1.351 getötete Soldaten bei der "militärischen Spezial-Operation", wie Kreml-Chef Wladimir Putin den Krieg seit dem Marschbefehl vom 24. Februar nennt. Doch sein Vertrauter Peskow spricht nun erstmals von "bedeutenden Verlusten" und einer "gewaltigen Tragödie". Dass sich Peskow auf Englisch in einem Interview mit dem britischen TV-Sender Sky News so äußert, löst auch in politischen Kreisen in Moskau Verwunderung aus. Immerhin sprechen Militärs und Putin selbst immer wieder davon, dass in der Ukraine alles glatt und nach Plan laufe.

Aber Peskow sagt auch, dass es vielleicht in wenigen Tagen oder in kürzester Zeit vorbei sein könne oder die Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew das Kampfgeschehen beenden. Die Signale aus Moskau sind widersprüchlich. Klar angekündigt ist als Nächstes nur, dass die Ostukraine mit den Gebieten Luhansk und Donezk komplett der ukrainischen Kontrolle entrissen werden soll. Im Gebiet Donezk werden am Freitag bei einem Raketenangriff am Bahnhof der Stadt Kramatorsk Dutzende Menschen getötet und verletzt. Russen und Ukrainer geben einander gegenseitig die Schuld an dem Blutbad.

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Russland gewinnt in Ostukraine Land und hinterlässt verbrannte Erde

Weit mehr als 90 Prozent des Gebiets Luhansk seien bereits eingenommen, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Generalmajor Igor Konaschenkow. In der Region Donezk hat die Ukraine demnach schon mehr als die Hälfte ihres Gebiets verloren. Dazu gehört auch die besonders schwer zerstörte Hafenstadt Mariupol, wo die Kämpfe aber noch andauern.

Dass Menschenrechtsorganisationen, Experten der Vereinten Nationen, des Roten Kreuzes und Journalisten schwerste Kriegsverbrechen dokumentieren, prallt an den Kreml-Mauern weiter ab. Schuld seien ukrainische Nationalisten, heißt es allenthalben. Beweise für die Anschuldigung Moskaus gibt es nicht. Klar ist aber jedem, dass die Menschen noch am Leben wären, wenn Russland die Ukraine nicht überfallen hätte.

Russland entrüstet über Schmierereien auf Sowjet-Denkmal

Kurz vor dem 77. Jahrestag des Sieges über den Faschismus unter Nazi-Diktator Adolf Hitler sieht Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion aber mehr denn je sein ruhmvolles historisches Erbe in Gefahr. Entsetzen lösen in Moskau nun blutrote Schmierereien im Treptower Park in Berlin an den Denkmälern für die sowjetischen Befreier Deutschlands vom Faschismus aus. Russische Diplomaten sprechen von einem "ekelhaften Akt des Vandalismus", weil etwa am weltberühmten Denkmal für den sowjetischen Soldaten russenfeindliche Aufschriften zu lesen sind.

"Tod allen Russen", "Ukrainisches Blut an russischen Händen" oder "Putin = Stalin" ist da zu lesen, Fotos veröffentlicht auch das Außenministerium in Moskau dazu. Jede Form von "Fremdenhass, Rassismus und Versuche, in Deutschland russenfeindliche Stimmungen zu säen und die russischsprachigen Bürger zu diskriminieren", müssten unterbunden werden, betonen die Diplomaten.

Errungenschaften aus Jahrzehnten pulverisiert

Dass sich Russland zu solchen Appellen veranlasst sieht, ist nur eine der vielen Folgen von Putins Krieg in der Ukraine. Die Rohstoffmacht sieht sich als das Land mit den meisten Sanktionen weltweit in einem Wirtschaftskrieg mit dem Westen. Nach mehr als 20 Jahren an der Macht muss Putin zusehen, wie Errungenschaften von Jahrzehnten verschwinden – und die ohnehin im Land verbreitete Armut noch weiter zunimmt. Putin hat einen Rückzug der NATO gefordert, jetzt gilt die Allianz als so stark wie nie – sogar in neutralen Staaten wie Finnland und Schweden wird über einen Beitritt zu dem Bündnis nachgedacht.

Und auch sonst ist die Bilanz von Putins Krieg düster: Zehntausende Menschen haben Russland verlassen, weil sie keine Perspektive mehr dort sehen. Viele haben wegen der Sanktionen ihre Arbeit verloren. Die Lebensmittelpreise explodieren, Geschäfte schließen, an der Börse sind Milliarden verbrannt. Dem Land drohen Milliardenforderungen an Reparationszahlungen für Kriegsschäden.

Verhandlungen ohne große Erfolgsaussicht

Erreicht ist indes kaum etwas. Die Ukraine ist bisher allenfalls bereit, über einen neutralen Status – ohne NATO-Mitgliedschaft – zu verhandeln. Der von Putin geforderte Verzicht auf die ostukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk oder die 2014 von Russland annektierte Halbinsel Krim ist nicht in Sicht. Zugang verschafft haben sich die Russen dagegen zu dem von der Ukraine lange blockierten Krim-Kanal, der jetzt die Halbinsel wieder mit Wasser versorgt.

Ungeachtet der Sanktionen hat der Kreml stets deutlich gemacht, dass die Kriegskasse gut gefüllt sei. Mit Stand 25. März lagen die internationalen Reserven bei 604,4 Milliarden Dollar (555 Mrd Euro), das waren 38,8 Milliarden US-Dollar weniger als am 18. Februar. Zudem fließen weiter die Milliardeneinnahmen aus dem Verkauf für Öl und Gas, deren hohe Preise Russlands Budget zugute kommen. Ein Einlenken Russlands ist bisher nicht in Sicht.

Das russische Staatsfernsehen zeigt als Vorgeschmack auf die Militärparade am 9. Mai immer wieder, wie moderne russische Raketen von Kriegsschiffen und Flugzeugen aus Ziele in der Ukraine angreifen. Trotz der von der Propaganda befeuerten "Spezial-Operation" in der Ukraine sieht die russische Politologin Tatjana Stanowaja keinen echten Rückhalt für den Krieg in der russischen Elite. "Aber es gibt eine pragmatische und emotionale, zwangsläufige Unterstützung des Präsidenten", sagt sie.


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