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Stargespickter Mehrteiler mit Moretti: Dunkle Flecken auf Blütenweiß

Im TV-Dreiteiler „Euer Ehren“ will ein Richter die Straftat seines Sohnes vertuschen. Tobias Moretti brilliert in der in Tirol gedrehten Serie als bodenständiger Großkotz.

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Der Richter (Sebastian Koch, oben links) und einige seiner Henker: Paula Beer als Tochter eines Klanchefs (oben rechts), Ursula Strauss als Polizistin und Tobias Moretti als auf Schweinehälften, Schmuggel und Seilschaften spezialisierter Dorfkaiser.
© ORF/ARD Degeto/Mona Film/SquareOne Production/Brozsek

Von Joachim Leitner

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Innsbruck – Die besten Serien, heißt es, entstehen immer anderswo. Meistens, auch das hört man oft, in den USA. Ganz von der Hand weisen lässt sich das beim Blick auf das, was hierzulande oft als Höhepunkte des Fernsehjahres angepriesen wird, nicht. Dass sich auch US-Serienschmieden bisweilen andernorts inspirieren lassen, ist inzwischen auch bekannt. Zuletzt kamen einige besonders gute Ideen, die zu „Homeland“ zum Beispiel oder zu „In Therapie“, aus Israel. Auch die im Vorjahr reichlich beklatschte, hierzulande bei Sky zu sehende US-Serie „Your Honor“ hat mit „Kvodo“ (2017) ein israelisches Vorbild. Hier wie dort geht es um einen Richter, der beim Versuch, die Straftat seines Sohnes zu vertuschen, zusehends nervöser und skrupelloser wird.

Manchmal sind die Amerikaner also nicht unbedingt origineller, sondern nur ein bisschen schneller: Die deutsch-österreichische Version des Stoffes heißt „Euer Ehren“ und kommt in der ARD als Sechs- und im ORF als Dreiteiler ab heute zur TV-Premiere. Gedreht wurde die Serie 2021 großteils in Tirol. Dorthin hat Regisseur und Mitautor David Nawrath auch den Plot verlegt, ins mehr oder weniger tief verschneite Hochland um Innsbruck. Das Fehlen eines echten Horizonts verstärkt das Beklemmungsgefühl dieser recht schnell ziemlich ausweglos werdenden Geschichte. Das kühle Graublau, in die Nawrath die Bilder bisweilen taucht, verleiht ihr – Erinnerungen an „Der Pass“ werden wach – etwas beinahe Skandinavisches.

Schon ganz am Anfang sorgt ein undichter Kugelschreiber für dunkle Flecken auf dem blütenweißen Hemd des Richters – mehr offensichtliche Unheilsmetaphorik erlaubt sich „Euer Ehren“ nicht. Es geht Schlag auf Schlag. Der Unfall, der die verhängnisvollen Vorgänge auslöst, ist schon passiert, bevor die Serie beginnt. Das Richtersöhnchen hat einen Motorradfahrer ins Koma gerissen. Der Richter lässt keine Ausflüchte gelten. Und Fahrerflucht schon gar nicht. Dann erfährt er, dass der Bub im Krankenhaus der Sohn eines Clanchefs ist, den er einst zu langer Haft verdonnert hat. Der Erkenntnis folgt Panik, der Panik stümperhafte Verantwortungsvermeidungsversuche. Und die bringen das groß- und kleinkriminelle Gleichgewicht im beschaulichen Tirol gehörig durcheinander. Der Clan vermutet hinter dem Unfall eine Auftragstat. Ein ortsansässiger Großschlachter, der zwischen vakuumisiertes Frischfleisch weißes Pulver packt – und auch sonst überall mächtig mitmischt –, bereitet sich auf einen Bandenkrieg vor. Irgendwann heißt es jeder gegen jeden. Den Metzger mit Hang zur bodenständigen Großkotzigkeit spielt Tobias Moretti mit kehligen „Chkk“: Ein auf Schweinehälften und Seilschaften spezialisierter Schuft, Dorfkaiser und Drogenschmuggler – ein Glanzstück. In der schönsten Szene des Dreiteilers zerbröselt der Gernegroße und sein kantiges Skilehrer-Italienisch an der banalen Brutalität eines ’Ndrangheta-Hinterbänklers.

Überhaupt ist „Euer Ehren“ herausragend gut besetzt: Sebastian Koch als Richter – fraglos der Protagonist – müht sich auch dann noch um ausgestellte Anständigkeit, wenn man den Angstschweiß schon riecht. Gerti Drassl hat als Sozialhilfe empfangende Staatsverweigerin einige gespenstisch gute Auftritte. Ursula Strauss stochert als Ermittlerin lang genug im Dunkeln, um alle nervös zu machen. Und Paula Beers Blick verspricht selbst dann nichts Gutes, wenn er verdächtig lange auf der nebelverhangenen Nordkette ruht. Auch sie dreht als Tochter des inhaftierten Clanchefs an der Eskalationsspirale. Dass die bisweilen etwas überdreht – geschenkt. Aus der Masse der gängigen Fernsehkrimis ragt „Euer Ehren“ trotzdem bis weit über die Schneegrenze heraus. Und vor dem israelischen Vorbild – und dessen amerikanischem Remake – muss sich die Serie nicht verstecken. Obwohl, oder vielmehr weil sie an einigen entscheidenden Momenten andere Entscheidungen trifft. Selbst wenn man das Original kennt, darf man auf Unerwartetes gespannt sein.

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