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Roman „Über Carl reden wir morgen“: Wie das Mühlrad des Lebens

Judith W. Taschler packt eine Fülle von Menschen und Schicksalen in ihren neuen Roman „Über Carl reden wir morgen“.

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Judith W. Taschler, Jg. 1970, stammt aus Oberösterreich. Studium der Germanistik und Geschichte. Sie lebt mit ihrer Familie in Innsbruck.
© Maria Noisternig

Von Markus Schramek

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Innsbruck – Judith W. Taschlers Lust am prosaischen Erzählen, um nicht zu sagen, am ausgedehnten Fabulieren, erscheint unbändig. In ihrem neuen Roman „Über Carl reden wir morgen“ breitet die Autorin auf fast 500 Seiten eine Familiensaga aus. Diese umfasst mehrere Generationen im Zeitraum von 100 Jahren zwischen dem frühen 19. und dem 20. Jahrhundert.

Als Leser ist man da von Anbeginn auf das Höchste gefordert. Eine Vielzahl an Namen und Verwandtschaftsverhältnissen will ein- und zugeordnet werden. Und bis in kleinste Details durchdeklinierte mutmaßliche Einzelschicksale, die letztlich aber eng miteinander verwoben sind, sorgen nicht gerade für rasenden Lesefluss. Besonders seltsam mutet manche inhaltliche Wiederholung an. Sie ergibt sich aus dem Umstand, dass über dasselbe Geschehen aus der Warte unterschiedlicher Charaktere noch einmal erzählt wird.

📽 Video | Buchvorstellung „Über Carl reden wir morgen“ in der ORF-ZiB

Als Schauplatz des Romans dient die Mühlviertler Provinz (in der Taschler, in viel späteren Jahren, selbst aufwuchs). Dreh- und Angelpunkt ist Familie Brugger. Sie betreibt im Dorf eine Hofmühle, später ergänzt durch ein Kaufhaus. Der Lebensweg nachrückender Generationen scheint somit vorgezeichnet. Arbeit gibt es ständig, und es braucht tüchtig zupackende Hände, die den Betrieb fortführen und am Laufen halten.

Selbstverwirklichung ist ein Begriff, der im kleingeistigen, ländlichen Habsburger-Österreich mit seiner bedingungslosen Kaiser-Treue, fernab der revolutionären Ereignisse des Jahres 1848, noch nicht erfunden ist. Das sich drehende Mühlrad am Hof wird zum Symbol eines „Das war schon immer so“.

Vereinzelt wagen Mitglieder des Brugger-Clans die „Flucht“, sie versuchen ihr Glück anderswo. Doch die Bande zur Heimat bleiben stark. Schicksalsschläge, eigenes Scheitern, der (drohende) Verlust geliebter Menschen, Verwandte, die Hilfe brauchen: Es gibt viele Gründe für eine Rückkehr.

An den so unterschiedlichen Zwillingsbrüdern Carl und Eugen Brugger manifestiert sich der Zwiespalt. Während Carl stets bemüht ist, das zu erfüllen, was andere ihm als seine Pflicht auftragen, verlässt Eugen sein Elternhaus und baut sich in den USA erfolgreich eine Existenz als Unternehmer auf.

Manche Wendung kommt überraschend. Der historische Hintergrund ist, wie stets bei Judith Taschler, akkurat recherchiert. Und der finale Dreh, wie dem vom Ersten Weltkrieg desertierten Offizier Carl Brugger zu einer neuen Identität in Oberösterreich verholfen wird, ist schon ziemlich raffiniert.

Unter dem Strich glückt es der in Tirol lebenden Autorin mit ihrem neuen Buch aber nicht so recht, einen ähnlich atemberaubenden Spannungsbogen aufzubauen wie in „Das Geburtstagsfest“, ihrem 2019 veröffentlichten zuvor letzten Roman.

Roman: Judith W. Taschler: Über Carl reden wir morgen. Zsolnay, 460 Seiten, 24,70 Euro.


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