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Fossile vs. Erneuerbare: Europa durch Russlands Krieg am Energie-Scheideweg

Der schrittweise Abschied westlicher Staaten vom wichtigen Rohstoff-Lieferanten Russland verschafft erneuerbaren Energien einen Schub. "Wir stehen vor dem Beginn des Endes des fossilen Zeitalters", meint die deutsche Energieökonomin Claudia Kemfert. Doch es gibt auch pessimistischere Ansichten.

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Der Abschied von russischem Erdgas fällt vielen EU-Staaten noch sehr schwer. Laut Bundesregierung sei auch in Österreich die Abhängigkeit zu groß.
© IMAGO/Sylvio Dittrich

Von Martina Herzog/dpa

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Brüssel/Moskau – Russlands Angriff auf die Ukraine verschiebt die Koordinaten: Der Bau von Windrädern und Solarpanelen soll in vielen Ländern Europas mit aller Macht vorangetrieben werden, damit man möglichst bald von russischem Gas und Öl sowie Kohle loskommt. Auch wenn der absehbare Verzicht auf russisches Gas dazu führen dürfte, dass mehr klimaschädliche Kohle verbrannt wird, die leichter woanders zu besorgen ist – selbst im Kohleland Polen ist neuerdings vom Ausbau Erneuerbarer die Rede.

Ob das auch weltweit der Fall ist, ist allerdings eine ganz andere Frage. Die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist optimistisch. "Klimafreundliche Formen der Energieerzeugung werden durch die jetzige Krise einen Aufwind erleben, einen Boom", sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. "Wir stehen vor dem Beginn des Endes des fossilen Zeitalters."

Brüsseler Experte erwartet zunächst mehr Kohle-Förderung

Georg Zachmann von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel ist da vorsichtiger. Zu den Variablen der Rechnung, die der Energieökonom aufmacht, gehören Verfügbarkeit und Preis fossiler und erneuerbarer Energien und die Wirkung westlicher Sanktionen gegen den Energieexporteur Russland. Unter dem Strich werde im laufenden Jahr vor allem mehr Kohle gefördert werden, erwartet Zachmann. Höhere Preise für Öl und Gas dürften dafür sorgen, dass auch diese Rohstoffe stärker gefördert werden, was die ausfallenden Mengen aus Russland und Kasachstan ungefähr ausgleichen dürfte.

Längerfristig könne der Export von russischem Öl und Gas deutlich zurückgehen, glaubt Zachmann. Und zwar nicht nur als Ergebnis von Sanktionen und weil westliche Staaten sich aus Abhängigkeiten von Russland lösen wollen, sondern weil dem Land schlicht der Zugang zu Investitionen, westlicher Technik und Expertise fehlten. "Im für Russland dramatischsten Fall muss Russland Gasbohrlöcher sogar mit Beton verschließen, wenn es für das Gas kurzfristig keine Abnehmer mehr findet – was ein Wiederöffnen erschwert."

Russische Ölexport-Infrastruktur "nach Westen" ausgerichtet

Und während Europa für Russland bei der Kohle "nur ein Markt unter vielen" sei, sei die russische Ölexportinfrastruktur "dominant nach Westen ausgebaut", erläutert Zachmann. Ein Großteil der Lieferungen gehe in OECD-Länder. Die Möglichkeiten zum Umsteuern seien begrenzt, da ein Großteil der russischen Exporte nur über die westrussischen Ölhäfen und Ölpipelines abgewickelt werden könne.

Zwar erwartet der Experte, dass es einen Trend vom Gas zur Kohle gibt. "Insgesamt würde ich aber hoffen, dass der Wegfall von billiger russischer Energie nicht komplett durch andere fossile Erzeugung kompensiert wird und auch nicht massiv neue Kohlekraftwerke gebaut werden", sagt er.

Klimafolgenforscher: Schaden durch Kohle enorm

Eine Entwicklung, vor der auch der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, warnt. "Wenn wir am Markt nicht umsteuern, dann wird auch wieder mehr in Kohlekraftwerke investiert, was dann hohe Emissionen über Jahrzehnte festlegt." Es werde immer wieder Phasen geben, in denen das Gas knapp werde und der Preis steige. "Klimapolitik wird aber nur gelingen, wenn das nicht jedes Mal eine Rückkehr zur Kohle auslöst." Der Schaden der Kohle für das Klima sei enorm, sagt Edenhofer. "Allein die Emissionen der jetzt im Betrieb, im Bau und in Planung befindlichen Kohlekraftwerke über ihre Lebenszeit hinweg belaufen sich auf knapp 300 Gigatonnen Kohlendioxid. Das entspricht beinahe dem Budget, das die Welt insgesamt noch verbrauchen darf, wenn sie die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen will." Und zwar im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter.

Die "Dominanz der Kohle" sei bereits über das vergangene Jahrzehnt zu beobachten gewesen, beklagt Edenhofer. "Die Gaspreise steigen schneller als die Kohlepreise. Das macht die Kohle vor allem im Stromsektor wieder rentabler, etwa in China, Indien und den kleineren asiatischen Ländern kommt die Kohle zurück." Das bedeute zunächst, dass Kohlekraftwerke stärker genutzt würden.

Klare politische Ziele nötig für Investitionen in Erneuerbare

Aus Sicht von Zachmann kommt es bei der Entwicklung erneuerbarer Energien auf die Dauer auf klare politische Ziele an, an denen sich Unternehmen orientieren. Dies sei ein Ansporn zu Investitionen in Forschung und Entwicklung und helfe die Kosten erneuerbarer Energien zu senken.

"Wir müssen den Märkten signalisieren, dass der Ausstieg aus den fossilen Energien ernst gemeint ist", sagt auch Edenhofer. In Europa werde der Emissionshandel helfen, bei dem Unternehmen Rechte zum Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase vorweisen und bei Bedarf erwerben müssen. Ein Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen sei auch in anderen Weltregionen nötig. "Den kann man zum Beispiel zur Bedingung machen, wenn die internationalen Entwicklungsbanken Gelder vergeben, etwa die Asiatische Entwicklungsbank", schlägt er vor. "Investitionen in den Klimaschutz sind kein Luxus, das ist eine völlige Fehlwahrnehmung." Sie seien unverzichtbar.


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