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„Ich möchte so gerne zurück“: Odysseen deportierter Ukrainer

Viele aus Mariupol evakuierte Menschen aus der Ukraine landen gegen ihren Willen in Russland. Betroffene erzählt von ihrer Deportation.

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Zehntausende Menschen wurden aus Mariupol und anderen Gebieten evakuiert. Viele von ihnen wussten nicht, wohin sie gebracht werden.
© EMRE CAYLAK

Von Elizabeth Piper, Reuters

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Moskau – Mila Pantschenko findet sich selbst auf einem Bahnsteig an einem Ort im Südwesten Russlands wieder. In ihrer Heimatstadt Mariupol gab es nichts mehr zu essen und auch kein Wasser mehr. Deshalb stellte sich die 53-Jährige den russischen Truppen und gelang aus der umkämpften Stadt heraus. In Taganrog, einer russischen Stadt am Asowschen Meer, bestieg sie zusammen mit 200 anderen Ukrainern einen Zug.

Sie hätten gesagt, sie würden in die Region von Rostow gebracht, also immer noch in der Nähe der ukrainischen Grenze. Als sie schließlich ankamen, befanden sie sich in Suworow, einer zentralrussischen Stadt, rund 1000 Kilometer entfernt. "Da war viel Polizei", erinnert sich Pantschenko. "Der Bahnhof war abgeriegelt, russische Zivilisten konnten nicht zu uns." Dann seien sie von einer Menschenmenge freundlich empfangen und zunächst mit Keksen versorgt worden. Eine weitere Frau, Natalia Bil-Maer, die ebenfalls aus Mariupol fliehen musste, berichtet Ähnliches. Sie hätten keine andere Wahl gehabt, als ihre Heimatstadt zu verlassen und nach Russland gebracht zu werden, meist weit von der ukrainischen Grenze entfernt. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte die Berichte unabhängig nicht überprüfen. Das russische Präsidialamt in Moskau reagierte auf eine entsprechende Anfrage nicht.

Erst versorgt, dann verhört

Pantschenko erzählt, sie und die anderen Menschen aus dem Zug seien nach ihrer Ankunft in ein Sanatorium in der Nähe von Suworow gebracht worden. Dort habe sie ein Zimmer bekommen, mit einem kleinen Kühlschrank, einem Fernseher und zwei Einzelbetten. Auf einem Tisch habe sie Lebkuchen, Kekse, Eistee und Wasser vorgefunden. Personal der Klinik habe dann ihre Fingerabdrücke genommen, sie fotografiert und im Beisein eines Anklägers verhört. Vor dem Krieg arbeitete Pantschenko als Managerin in einer Zisternenfabrik und war Mitglied im Stadtrat. Das Sanatorium in Krainka wollte eine Reuters-Anfrage nicht beantworten, ob dort Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht sind.

Sie sei gefragt worden, ob die Unterdrückung der russischen Sprache in der Ukraine seit 2014 zugenommen habe, erzählt Pantschenko, die auch Russisch spricht. In dem Jahr hatte Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektiert, die Regionen Luhansk und Donezk in der Ostukraine gerieten zudem unter die Kontrolle von prorussischen Separatisten. Eine der Begründungen der Regierung in Moskau für den Angriff auf die Ukraine ist das Ziel, russischsprechende Menschen dort vor Nationalisten zu schützen. Die ukrainische Regierung weist die Vorwürfe zurück. "Ich habe nur gesagt, dass ich Ukrainisch sprechen kann und dass ich es liebe", sagt Pantschenko. "Ich habe gesagt, dass ich keine Unterdrückung des Russischen erlebt habe."

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Ljudmyla Denisowa, Ombudsfrau in der Ukraine für Menschenrechte, sagte vergangene Woche, Russland habe bisher 134.000 Personen aus Mariupol gebracht. Davon seien 33.000 gegen ihren Willen deportiert worden. Unabhängig lassen sich diese Zahlen nicht überprüfen. Rachel Denber von der Organisation Human Rights Watch berichtet von mindestens einem Fall, von dem klar dokumentiert sei, dass jemand zwangsweise nach Russland gebracht wurde, "gezwungen auf die Seite, die dein Land überfallen hat". Nach der Genfer Konvention von 1949 handelt es sich um ein Kriegsverbrechen, wenn eine Partei massenhaft Zivilisten der anderen Seite in ihr Territorium bringt.

Russland erklärt, es biete humanitäre Hilfe für diejenigen an, die Mariupol verlassen wollten. In einem Eintrag auf der Internetseite der russischen Regierung vom 12. März sind 95.909 Personen gelistet, die die Ukraine verlassen haben und sich nunmehr in Russland aufhalten. Am 14. April erklärte der russische Generaloberst Michail Misinzew, dass 138.014 Zivilisten von russischen Soldaten aus Mariupol gerettet worden seien. Pantschenko wurde nach ihren Angaben am 17. März aus der umkämpften Hafenstadt evakuiert, als tschetschenische Truppen das Gebiet westlich des Flusses Kalmius einnahmen, wo sie zusammen mit Dutzenden anderen Zivilisten in einem Keller Schutz gefunden hatte.

"Sie sagten, wir müssten evakuiert werden, weil sie dort ihr Hauptquartier aufschlagen wollten", sagt Pantschenko in einem Telefonat aus der norditalienischen Stadt Brescia, wo sie mittlerweile lebt. Angesichts des Mangels an Nahrungsmitteln und Wasser habe sie keine andere Wahl gehabt, als in den Bus zu steigen, den ihr die tschetschenischen Soldaten angeboten hätten, um sie in das russisch kontrollierte Donezk zu bringen. In der Ortschaft Bezimenne seien sie dann von der Polizei der Volksrepublik Donezk (DPR) verhört worden, auch ihre Fingerabdrücke seien abgenommen worden. Vertreter der DPR und auch der tschetschenischen Behörden ließen Fragen dazu unbeantwortet.

"Wir wurden gefragt, ob wir Verbindungen hätten zu den ukrainischen Streitkräften, und ob wir jemanden kennen würden aus dem Regiment Asow", erzählt Pantschenko. Das Regiment Asow ist ein paramilitärisches Freiwilligenbataillon, das an der Seite der ukrainischen Streitkräfte vor allem in Mariupol kämpft. Die russische Regierung stuft das Regiment als faschistisch und russlandfeindlich ein. "Da wir auf keiner Liste standen, haben sie uns wieder in den Bus gesetzt und zum Bahnhof nach Taganrog gebracht."

"Wir hatten nur noch diesen einen Weg"

Natalia Bil-Maer floh am 22. März zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern im Alter von sechs und sieben Jahren aus dem Keller eines Wohngebäudes in Mariupol, in dem ein Verwandter lebte. Angesichts der zunehmenden russischen Angriffe wollten sie zunächst nach Berdjansk westlich von Mariupol, aber die Straße dorthin lag unter Beschuss. "Wir hatten dann nur noch diesen einen Weg", erzählt sie, derjenige, der von russischen Soldaten kontrolliert wurde, die sie dann weggebracht und schließlich nach Russland deportiert hätten. Auf ihrem Weg seien sie vielfach befragt worden, die Männer mussten sich ausziehen, weil die russischen Soldaten nach Kämpfern suchten. Schon einen Tag später, am 23. März, befanden sie sich auf russischem Gebiet und wurden zum Bahnhof nach Taganrog gebracht.

"In Taganrog wurden viele nette Worte an uns gerichtet", erzählt Bil-Maer. "'Wir haben Euch gerettet. Wir werden Euch etwas zu Essen geben.'" Andere Züge seien nach Tambow und Wladimir in Zentralrussland gefahren. "Es war klar, dass jeder Zug an einen anderen Ort fahren würde." Sobald Bil-Maer ein Telefon benutzen konnte, rief sie eine Tante an, die in der Region von Krasnodar in Russland in der Nähe des Asowschen Meeres lebt. Sie sei sofort gekommen und habe die Familie abgeholt. Bei der Tante habe sie sich schon bald nicht mehr nach draußen gewagt. Sie sei genervt gewesen von den Sprüchen der Menschen dort, dass die Ukraine am Krieg schuld sei, weil sie russischsprechende Menschen diskriminiere.

Deshalb seien sie dann nach Georgien geflohen. Wie sie wieder nach Hause kommen werde, wisse sie nicht, sagt Bil-Maer. Ihr Mann habe die Ukraine illegal verlassen, weil er in einem kampffähigen Alter sei. Sie versuchen, Hilfe zu bekommen von der ukrainischen Botschaft in Tiflis, haben aber nur intern gültige Ausweise dabei. Das ukrainische Außenministerium hat eigentlich zugesagt, nach Russland deportierte Landsleute wieder nach Hause zu holen. Die Botschaft in Russland ist aus Sicherheitsgründen zwar geschlossen. Aber die Vertretungen in anderen angrenzenden Ländern würden dabei helfen, auch die nötigen Papiere zu beschaffen.

Mila Pantschenko konnte nach eigenen Angaben die russischen Behörden nach zehn Tagen in Krainka davon überzeugen, den Ort verlassen zu dürfen und nach Nischni Nowgorod zu gehen. Sie wolle in der Stadt an der Wolga östlich von Moskau bei der Familie eines Nachbarn aus Mariupol Unterschlupf finden, der mit ihr geflohen sei. Nach ihrer Abreise aus Krainka seien sie und ihr Nachbar aber nicht dorthin gegangen, sondern nach Moskau. Von dort aus sei ihnen die Ausreise in die baltischen Staaten gelungen, und schließlich sei sie in Italien gelandet. "Mein Plan ist, Geld zu verdienen und dann in meine Heimat Mariupol zurückzukehren", sagt sie. "Ich möchte so gerne zurück in die Ukraine."


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