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Hermann Nitsch: Ein Leben für das Gesamtkunstwerk

Das Ritual als Lebenswerk: Mit Hermann Nitsch starb einer der wichtigsten Künstler der Gegenwart. In Venedig und Tirol ist seine Kunst aktuell anzutreffen.

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Nitsch auf Besuch in Tirol: 2017 stellte der Künstler in der Kunsthalle „arlberg 1800“ aus.
© Böhm

Von Barbara Unterthurner

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Wien, Innsbruck – 1987 realisierte er seine 20. Malaktion in der Wiener Secession. Das gesamte Konvolut der dramatisch farbigen Werke von Hermann Nitsch konnte über die Jahre hinweg zusammengehalten werden. Anlässlich der anstehenden Biennale in Venedig wird es neu ausgestellt. Am Montagabend wurde die Schau eröffnet. Miterlebt hat Nitsch diesen Festakt nicht mehr. Wie seine Frau Rita Nitsch gestern bestätigte, starb der 83-jährige Künstler am selben Tag im Krankenhaus in Mistelbach. Er gehörte zu den wichtigsten Kunstschaffenden der Gegenwart. Mit seiner orgiastischen Aktionskunst habe er zum „Wandel unseres Kunstbegriffs beigetragen“, resümierte Belvedere-Direktorin Stella Rollig gestern so treffend seinen Einfluss auf die österreichische Kunstgeschichte. Nur eine von vielen Reaktionen, die aus der Politik- und Kunstwelt zum Tod des Künstlers zu hören waren – siehe unten.

📽️ Video | Hermann Nitsch ist tot

Er war zuletzt erschöpft, auch in Anbetracht all der Dinge, die er umsetzen wollte, erzählt derweil die Innsbrucker Galeristin Elisabeth Thoman über Nitschs letzte Monate. Neben Venedig ist Nitschs Kunst zurzeit in ihrer Galerie zu sehen: die elfte Ausstellung mit Arbeiten des großen Aktionisten. Schon 1998 realisierte Thoman mit dem bereits verstorbenen Kurator Peter Weiermair eine der ersten Ausstellungen mit Nitsch-Werken aus der Sammlung Giuseppe Morra im Innsbrucker Kunstraum – eine Schau, die intensive kunsthistorische Auseinandersetzung mit dem Werk des Aktionisten forderte. Und die neben Aktionsrelikten auch umfangreiches Dokumentationsmaterial parat hielt.

1998 war es auch, als Hermann Nitsch die erste Version seines 6-Tage-Spiels im niederösterreichischen Prinzendorf aufführte. Ein Höhepunkt seines Lebenswerks aus Aktionen und choreographierten Inszenierungen – und damals noch ein blutiges Ritual mit Kadavern und viel Nacktheit, das Tierschützer auf die Barrikaden steigen ließ, die Kirche verprellte und die Politik vor den Kopf stieß. Nitsch ging auch als Provokateur in die internationale Kunstgeschichte ein. Erst 2007, zwei Jahre nachdem er mit dem Großen Staatspreis ausgezeichnet worden war, ehrte man ihn mit einem eigenen Museum in Mistelbach. Ein Jahr später eröffnete das Museo Nitsch in Neapel.

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Die zweite Version des 6-Tage-Spiels plante er nach 1998 zuletzt für 2021. Erst vor Kurzem wurde das Spektakel für Juli diesen Jahres angekündigt. Am 30. und 31. Juli soll es stattfinden, versicherte Rita Nitsch gestern noch einmal öffentlich. Mit dem Zusatz: „Das haben wir ihm versprochen.“

Mit dem Orgien Mysterien Theater hat Nitsch, der 1938 in Wien geboren ist, eine ganz eigenständige künstlerische Praxis entwickelt. Er war es, der Mythos und Ritual in die Kunst zurückgebracht hatte, erklärte Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder anlässlich des Ablebens des Künstlers. Für Religion und das Mystische hatte sich Nitsch tatsächlich seit der Frühzeit seines Schaffens interessiert.

Nitsch gilt heute als Mitbegründer des Wiener Aktionismus. Zeitlebens arbeitete er sich am Gesamtkunstwerk ab. Dieses gipfelte zuletzt 2021 in der Gestaltung einer semiszenischen „Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen. Mit zehn Akteuren realisierte er eine seiner berühmten Malaktionen. Ein „Farbrausch“, wie Nitsch es gern nannte. Niemals bunt, aber mit „glühenden Farben“ – die zuletzt vor allem von reifen Früchten herrührten.

Gelebt und gearbeitet hatte Nitsch ab 1971 in Prinzendorf. Dort malte, konzipierte und komponierte er. Denn zum Gesamtkunstwerk gehörte auch Musik. Bei Thomans kann man sich vor der Partitur des 6-Tage-Spiels davon ein Bild machen. Und es erahnen, „seine Kunst trifft alle Sinne“, wie die Galeristin seine Arbeit zusammenfasst.


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