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Juan Gabriel Vásquez: Verübte und vererbte Verbrechen

Der Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez zählt zu den bedeutendsten Autoren der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur. In der kommenden Woche gastiert er in St. Johann und Innsbruck.

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Juan Gabriel Vásquez lebte lange in Europa im Exil. 2012 kehrte er nach Kolumbien zurück.
© imago

Von Joachim Leitner

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Innsbruck – Seit dem Erscheinen seines Debütromans „Die Informanten“ (2004; Deutsch: 2010) hat Juan Gabriel Vásquez, geboren 1973 in Bogotá, namhafte Fürsprecher. Für Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa zählt Vásquez zu den originellsten Stimmen der lateinamerikanischen Literatur. Auch Jonathan Franzen und Khaled Hosseini geizten nicht mit ihrer Begeisterung. Spätestens mit seinem Roman „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ (2010; Deutsch: 2014) wurde Vásquez vom hochgelobten Geheimtipp zu einem der weltweit erfolgreichsten Erzähler seiner Generation. Seine Bücher wurden in 16 Sprachen übersetzt und mit renommierten Auszeichnungen bedacht. „Die Gestalt der Ruinen“, Vásquez’ bislang letzter auch ins Deutsche übertragener Roman, stand auf der Shortlist für den Booker-Preis.

Gemein ist Vásquez’ Romanen und Erzählungen, dass sie sich an der Geschichte Kolumbiens abarbeiten. Trotzdem wäre es falsch, in dem Autor einen bloßen Chronisten der bisweilen unbarmherzigen Historie seines Heimatlandes zu sehen. Seine Erzählungen kreisen um Themen, die sich nicht geografisch eingrenzen lassen. Es geht um verübte und vererbte Verbrechen, um Gewalt, die Erinnerung daran und das Erzählen davon.

Ins Erzählen kommt Vásquez zumeist über das Episodische: In „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ ist es die von der Presse und deren angerührter Leserschaft befeuerte Jagd nach einem aus dem Privatzoo des Drogenbarons Pablo Escobar ausgebüxten Nilpferd, das die Reflexion über die Verstrickungen des Einzelnen ins kriminelle Big Business auslöst.

Noch eindrücklicher ist der kleine, 2013 erschienene Roman „Die Reputation“: Ein über jeden Zweifel erhabener Karikaturist, der sich von der Hautevolee als moralische Instanz feiern zu lässt, beginnt an der Wahrheit seiner Zeichnungen zu zweifeln. Auf knapp 190 Seiten entfaltet Vásquez ein albtraumhaftes Panorama des Vergessens und Verdrängens – und wirft quälende Fragen nach seelischer Verwahrlosung, Selbstgerechtigkeit, Doppelmoral und den größeren und kleinen Heucheleien dazwischen auf. Stilistisch erinnert der makellos konstruierte Kurzroman wohl nicht von ungefähr an die Beklemmungskunst von Franz Kafka.

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Termine

Am Mittwoch, 27. April, präsentiert Juan Gabriel Vásquez seinen 2014 erschienenen Roman „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ in der Alten Gerberei in St. Johann.

Tags darauf, Donnerstag, 28. April, liest er aus seiner im Vorjahr vorgelegten Erzählsammlung „Lieder für die Feuersbrunst“ in der Innsbrucker Buchhandlung Wagner’sche. Beginn ist jeweils 19.30. Beide Veranstaltungen werden von Klaus Zeyringer moderiert.

Von 21. bis 24. April ist Juan Gabriel Vásquez beim Festival „Literatur und Wein“ in Krems und Stift Göttweig zu Gast. Angekündigt ist unter anderem eine gemeinsame Veranstaltung mit Karl-Markus Gauß. Am Dienstag, 26. April, liest er im Weltmuseum Wien.

Schon Vásquez’ erster Roman „Die Informanten“ führte beifallssüchtiges Besserwissen vor – und dabei zurück in eine Zeit, in der in den Exilgemeinden Bogotás jüdische Flüchtlinge auf deutsche Auswanderer trafen, die von Hitlerdeutschland träumten.

Auch in „Die Gestalt der Ruinen“, seinem bislang umfangreichsten Roman, öffnet Juan Gabriel Vásquez die kolumbianische Geschichte ins Globale. Im Zentrum steht die Ermordung des liberalen Politikers Jorge Elécer Gaitán 1948. Gaitán wurde auf offener Straße erschossen. Gut 34 Jahre davor ereilte General Uribe Uribe das gleiche Schicksal. Auch er wurde auf dem Boulevard der Carrera Séptima in Bogotá niedergestreckt. 1914 wurde aber nicht nur dort geschossen, sondern – das dürfte hierzulande bekannter sein – auch in Sarajevo. Und mit John F. Kennedy fand im 1963 ein weiterer Hoffnungsträger den Tod. Die Folgen, hier wie dort: kriegerische Eskalationen. Kann das Zufall sein? Für Carlos Carballo – eine der Hauptfiguren des Romans – ist das Muster offensichtlich. Für den Schriftsteller, den er mit seinem populären Geheimwissen nervt, ist die Sache komplizierter. Dieser Schriftsteller heißt wie sein Autor Juan Gabriel Vásquez. Er macht sich zunächst widerwillig auf Spurensuche. Was er zu Tage fördert, bestätigt den Verschwörungsglauben Carballos nur bedingt, Verrat und Verbrechen kommen trotzdem ans Licht. In „Die Gestalt der Ruinen“ spielt Vásquez virtuos mit Elementen von dokumentarischer Literatur und Autofiktion. Vor allem aber führt er das Spaltungspotenzial einfacher Erklärungen vor: Der Krieg, der mit den Schüssen auf Gaitán begann, dauert bis heute.

Mit seinem jüngsten Erzählband „Lieder für die Feuersbrunst“ knüpft Juan Gabriel Vásquez thematisch an „Die Gestalt der Ruinen“ an. Auch hier erforscht er das Verhältnis von Macht und Gewalt – und formt aus historischen Fundstücken (etwa aus einem von General Uribe Uribe verfassten Grammatikbuch) und Anekdotischem (einer Statistenrolle bei einem Polanski-Film zum Beispiel) parabelhafte Erzählungen über schmerzhafte Brüche und grausame Kontinuität.

Romane & Erzählungen von Juan Gabriel Vásquez

  • Die Informanten. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Schöffling, 384 S., 23,60 Euro.
  • Das Geräusch der Dinge beim Fallen. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Schöffling, 296 S., 23,60 Euro.
  • Die Reputation. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Schöffling, 192 S., 20,60 Euro.
  • Die Gestalt der Ruinen. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Schöffling, 528 S., 26,60 Euro.
  • Lieder für die Feuersbrunst. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Schöffling, 240 S., 22,70 Euro.


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