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Knebl und Scheirl auf der Biennale: Kampfmaschine, die nur spielen will

Jakob Lena Knebl und Hans Ashley Scheirl verwandeln Österreichs sonst so strikten Biennale-Pavillon in einen schmucken Erlebnisparcours. Eine Leichtigkeit, die man dort sonst nicht kennt.

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Schriller Dialog zweier künstlerischer Handschriften: Jakob Lena Knebl und Hans Ashley Scheirl bespielen den Österreich-Pavillon der diesjährigen, 59. Kunstbiennale in Venedig.
© Georg Petermichl

Von Barbara Unterthurner

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Venedig – Von außen ahnt man nichts. Weiß und klar strahlt einem in diesem Jahr der österreichische Pavillon der Venedig-Biennale entgegen. Renate Bertlmanns „Amo ergo sum“ ist gewichen. Ebenso wie die poetische Wehrhaftigkeit ihrer Installation von 2019. Dafür ist die Verführung eingezogen. Jakob Lena Knebl und Hans Ashley Scheirl haben den heimischen Pavillon der diesjährigen Biennale in einen pulsierenden Erlebnisraum verwandelt. Eine „Invitation of the Soft Machine and her angry body parts“ geht raus an das Publikum, das ab morgen die Giardini stürmen wird. Im Inneren des Hoffmann’schen Pavillons: besagte Mensch-Maschine, die zur Auflösung der Körper, der Geschlechter einlädt, die die Grenze zwischen Design und Kunst ebenso wie die Grenzen zwischen Zeitebenen zuweilen radikal einreißt.

Weil die Kunst alles darf, versichert anlässlich der gestrigen Pressekonferenz auch Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne). Mit dem Zusatz: Das müsse in (Kriegs-)Zeiten wie diesen in Europa immer wieder betont werden. All das habe man auch umgesetzt, bedankt sich Hans Ashley Scheirl rückwendend. Eine Erklärung jedenfalls braucht dieser Pavillon nicht, auch wenn Kuratorin Karola Kraus ob ihrer Funktion sich darum bemüht. Dieser Pavillon wird erlebt.

Dass das Kunstduo, das auch im Privaten ein Paar ist, den Zeitgeist in den wilden 1970ern sucht, war spätestens seit dem ersten Fotoshooting in der eigens für die Biennale entwickelten Kollektion samt Hochglanzmagazin (statt eines Kataloges) klar. Die Plateauschuhe sind back! Die Siebziger als Echoraum – aber auch deshalb, weil die gesellschaftlichen Diskurse von damals, also jene um fossile Brennstoffe, die Bürgerrechtsbewegung oder das Ende des rein analogen Körpers, uns auch 50 Jahre später, also heute wieder entgegenschlagen.

© Christian Benesch

Derartige Stichworte werden im linken Teil des Pavillons, den Hans Ashley Scheirl (*1956 in Salzburg) gestaltet hat, zur begehbaren Malerei. Hier kugeln sich Formen und Farben, eine fellweiche Kampfmaschine, die nur spielen will, schießt rot-weiße Tabletten in die Luft – und aus der pechschwarzen Pumpe tropft ein dicker Klumpen Erdöl. Was den goldenen Anus verlässt, ist selbsterklärend. Dafür wird auch in den Malereien geklotzt und gesquirtet, bis am Boden nur noch ein großer Fleck übrig bleibt. Das Fragmentieren des Körpers habe ja auch ein Stück weit mit Fetisch zu tun, erklärt Jakob Lena Knebl anlässlich der gestrigen Eröffnung. Und der sei spätestens mit Instagram im Mainstream angekommen.

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Augenscheinlich an den Kragen geht es den Körpern also in Knebls (*1970 in Baden bei Wien) Teil des Pavillons. Interieur, Architekturen (etwa die Rohre als charakteristische Stilelemente des Centre Pompidou), Design und Material werden dafür revitalisiert. Pralle, fürs Twerken wie geschaffene Hintern wachsen zu surrealen neuen Körpern zusammen. Aber auch hier bleibt das Duo im Assoziieren spielerisch. Viele der so gar nicht „angry“ body parts laden zum Verweilen ein. Das alles mag für viele vielleicht plakativ wirken. So viel Leichtigkeit ist man hier eben nicht gewohnt.

© Georg Petermichl

Lust auf mehr machen übrigens beide Teile des Pavillons. Obwohl fair aufgeteilt, bleibt „Invitation of the soft machine and her angry body parts“ eine Doppelschau. Mit künstlerischen Handschriften, die miteinander kommunizieren. Über Symboliken und Ästhetiken und über die verbindenden Kolonnaden hinweg. Das gelang Scheirl/Knebl 2019 bei der Biennale in Lyon erstmals. Und 2020 erneut im Kunsthaus Bregenz. Nach Venedig winkt 2023 übrigens das Pariser Palais de Tokyo.


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