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Kunstbiennale in Venedig: Ein Glas voll Hoffnung

Ganz Grundsätzliches, Ökofeminismus und Kinderspiele: Die ab heute fürs Publikum geöffnete, 59. Kunstbiennale zeigt die Vielfalt von Weiblichkeit. Und hinterlässt auch bewusst Lücken. Ein Rundgang.

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Precious Okoyomon wächst mit der Wildwuchs-Installation im Arsenale fest.
© Cappelletti

Von Barbara Unterthurner

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Venedig – Weiße Sandsäcke türmen sich in den Gärten der Gegenwartskunst. Ganz so, als müsste hier ein Kulturgut vor Angriffen beschützt werden. Hier nicht so wie in der Ukraine. Ein Zeichen gegen den dort tobenden Krieg setzt die Kunstbiennale, die heute für das Publikum öffnet, mit der piazza ucraina. Und mit dort gezeigter ukrainischer Kunst. Reproduktionen auf verbranntem Holz – aber immerhin. Im ukrainischen Pavillon (im Arsenale) plätschert derweil ein Brunnen aus vielen kleinen Trichtern hoffnungsvoll vor sich hin. Fast hätte es die Installation von Pavlo Makov nicht nach Venedig geschafft. Hätte sie Kuratorin Maria Lanko nicht einfach in ihren Kofferraum gepackt – und selbst nach Venedig verfrachtet. Der Optimismus hat gesiegt. Hier jedenfalls. Unweit von der piazza ucraina bleibt der russische Pavillon leer. Gestern trat dort Putin auf – konnte man zunächst glauben. Dabei machte der ukrainische Schauspieler Alexey Yudnikov in Verkleidung den Protest gegen den Angriffskrieg zur Performance. Und wurde kurz darauf von der Polizei abgeführt.

Abseits dieser verhältnismäßig kleinen Bühnen spielt der Krieg in Venedig aber eine Nebenrolle. Viele andere Felder wollen hier beackert werden. Ganz Grundsätzliches wie etwa bei Maria Eichhorn im deutschen Pavillon. Mit archäologischem Gerät gräbt sie sich weiter als 1993 Hans Haacke: Eichhorn legt das Fundament eines einstigen bayrischen Pavillons frei. Und lässt den Putz sprechen.

Anna Boghiguians „chess game“ in der Scuola di San Pasquale ist im Herbst im Kunsthaus Bregenz zu sehen.
© Marossi

So konzeptuell geht es nur in wenigen Pavillons zu: Bunt – so wie man ihn zuletzt im Kunstraum Innsbruck kennen lernte – mag es Jakub Ferri für den Kosovo. Apropos Kunstraum: Naomi Rincón Gallard, die dort Anfang 2020 ausstellte, spannt ihre aktivistischen Gegenwelten im mexikanischen Pavillon auf. Bei Francis Alÿs im belgischen Pavillon spielen dafür Kinder aus aller Welt, als hätte es die Pandemie nie gegeben. Belgien ist damit mindestens so preisverdächtig wie Polen, wo die Roma-Community ihre Stimme erhebt, oder die USA, die mit Simone Leigh (endlich!) auf afroamerikanische Erfahrungswelt setzt. In Venedig verschmilzt sie mit europäischer Moderne. Heute wird bekannt gegeben, wer sich den Goldenen Löwen für den besten Pavillon holt.

Simone Leighs übergroße Frauenfigur empfängt das Publikum übrigens auch in der Hauptschau („The Milk of Dreams“) von Biennale-Kuratorin Cecilia Alemani im Arsenale. Das Pendant zu Leigh ist in den Giardini übrigens ein übergroßer Elefant von Lebenswerk-Preisträgerin Katharina Fritsch. Ein Zufall, dass Alemani mit zwei Künstlerinnen öffnet? Nein, da bleibt kein metaphorischer Elefant im Raum. Mit der Hauptschau fährt Alemani eine klare Linie. Als erst dritte Frau, die die Biennale seit 1948 allein kuratiert, setzt sie auf weibliche Positionen. 9 von 10 sind heuer Frauen – einfach weil sie die besseren Künstlerinnen sind, lässt die Kuratorin neugierige JournalistInnen wissen. Und will mit „The Milk of Dreams“ nach so männlichen Biennalen also ein Glas voll Hoffnung einschenken. So vielfältig war Weiblichkeit jedenfalls noch nie.

Cosima von Bonin hat sich an den Hauptpavillon in den Giardini gehängt.
© Marossi

Alemani zeigt mit 1433 Werken aber auch so viel Kunst wie noch nie. Nicht nur Neues. Bisweilen mutet die Hauptschau gar museal an. Ikonen wie Rosemarie Trockel, Nan Goldin – oder aus Österreich: Birgit Jürgenssen und Kiki Kogelnik – stehen unvergessenen Vergessenen (Sonia Delaunay) und unzähligen NewcomerInnen gegenüber. Ökofeminismus schlägt in die selbstverständlich digitale Welt ein. Da bleiben natürlich Lücken. Trotz all der Vielfalt.

Damit aber nicht genug: Ein Rundgang kann heuer nicht auf der Biennale enden. Die Liste der kollateralen Events in der Stadt ist besonders lang. Marlene Dumas und Bruce Nauman warten im Palazzo Grassi bzw. Punta della Dogana auf. Aber auch abseits der (Kultur-)Touristenpfade geht’s hochkarätig zu: Das Kunsthaus Bregenz hat es anlässlich des 25-jährigen Bestehens nach Venedig verschlagen. Otobong Nkanga und Anna Boghiguian bringen die Scuola di San Pasquale mit neuen Arbeiten zum Klingen und Schwingen. Ganz sanft. Zwei Positionen, die auch auf die Biennale gepasst hätten.


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