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Premiere im Burgtheater: Die Schande Krieg und das Schicksal der Frauen

„Die Troerinnen“: Burg-Debut der australischen Regisseurin Adena Jacobs.

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Fulminant: Sylvie Rohrer (Hekabe) und Lilith Häßle (Kassandra) verleihen Euripides’ Tragödie neue Kraft.
© Hassler-Smith

Von Bernadette Lietzow

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Wien – Nichts wünschte man sich sehnlicher, als dass dieser Theaterabend nicht so quälend an aktuelles Tagesgeschehen anstoßen würde. Das Schicksal der Frauen aus Troia reicht dem Heute die blutige Hand, und Adena Jacobs schneidet mit ihrer Inszenierung der „Troerinnen“ tief hinein ins kriegswunde Fleisch der Gegenwart. In ihrer gemeinsam mit Aaron Orzech erarbeiteten Fassung der antiken Tragödie, ins Deutsche übertragen von der österreichischen Dramatikerin Gerhild Steinbuch, verwebt die 1982 geborene Theatermacherin Euripides’ Vorlage mit Texten von Seneca, Ovid und der Autorin Jane M. Griffiths zu einer hochkonzentrierten, schauerlichen Reflexion über Gewalt.

Ebenso mächtig wie archaisch sind die Bilder, die Jacobs erfindet – Bilder, die in ihrer Reduziertheit eine seltsame Distanz herstellen und sich zugleich in Kopf und Herz bohren.

Troia ist grausig vernichtet. Treibgut des Krieges, gedemütigt, geschändet, sind die troianischen Frauen, unter ihnen die gestürzte Königin Hekabe, als Mutter von Paris, Hektor, Kassandra und vielen weiteren Kindern Ur-Mutter, Rächerin und in ihrer Kraft auch Hoffnungsträgerin.

Wenn der Vorhang sich hebt, sitzt diese Herrscherin verwundet und nackt in einer Art gynäkologischem Stuhl knapp an der Bühnenkante. Dumpfe Geräusche und Flüstern umhüllen sie, über ihrem Kopf kreisen, wie ein Schwarm sonderbarer Insekten, ebenso in hautfarbenen Bodysuits gleichsam nackte Frauengestalten – im Übrigen nur eines der beachtlichen Videos des auch für Bühne und Kostüm verantwortlichen Künstlers Eugyeene Teh.

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Sylvie Rohrer, eine der wertvollsten Sprach-Schauspielerinnen des Burgtheaters, ist diese Hekabe, für die „kein Unterschied mehr zwischen Zorn und Trauer“ besteht. Atemberaubend, welchen Ton, welche Temperatur Rohrer vorgibt, wie sie Hekabes Würde, Willen und Rachelust deutet.

Die Rolle ihrer Tochter Kassandra erfüllt Lilith Häßle: Wenn diese Kassandra vor dramatisch verengtem, mit der Filmsequenz eines schleimig-triefenden Mundes bebilderten Bühnenausschnitts von der erlittenen Vergewaltigung spricht, wird das böse „Prinzip“ weiblicher Opferschaft männlicher Kriege überdeutlich.

Sabine Haupt imponiert als Andromache, deren kleiner Sohn Astyanax in den Tod gestürzt wird. In aller, von Adena Jacobs exakt eingesetzter Schrecklichkeit glaubwürdig ist die verzweifelte Sehnsucht nach dem Kind, wenn Haupt während ihrer Anklage ein drachenförmiges Stofftier in den Armen hält oder später Teile des toten Kinderkörpers aus dem Brutkasten nimmt und verzehrt.

Helena ist die vierte der Frauen, die federführend zu Wort kommen. Patrycia Ziolkowska, anfänglich in glänzendem Gold die Illusion der sprichwörtlich schönen Helena verkörpernd, gibt eine klarsichtige Tochter des Zeus, aus dem Ei geschlüpft, nachdem der Göttervater sich in Gestalt eines Schwans an Leda vergangen hatte.

Safira Robens führt den großen, von Melanie Lane fantastisch choreografierten Chor junger Frauen an. Wenn diese einem ausgebrannten Reisebus entsteigen, tun sich unsägliche Assoziationen auf.

Kein einfacher Abend, der da vom Premierenpublikum im Burgtheater mit einhelligem Applaus bedacht wurde, jedoch einer der bedeutendsten der vergangenen Saisonen. Hochpräzise, klug und ästhetisch auf dem Punkt.


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