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„Zweite Allgemeine Verunsicherung“: Perfekt getroffene Dissonanzen

Felicia Zellers Zeitstück „Zweite Allgemeine Verunsicherung“ als österreichische Erstaufführung im Innsbrucker Theater praesent.

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Peter Schorn, Elke Hartmann und Daniela Bjelobradić glitzern um die Wette.
© Dino Bossnini

Innsbruck – Viel reden, wenig sagen – und dabei immer auf den größtmöglichen Effekt bedacht. So kennt man das. So macht man das heutzutage. Im Internet und sonstwo. Man sagt Sätze, die mit „Entschuldigung“ beginnen und mit „aber“ weitergehen. Man hat viel Meinung ohne große Ahnung und wird das, was man meint, ja wohl noch sagen dürfen, weil einen das, was einen umtreibt oder dem man hinterhergoogelt, so unsagbar betroffen macht, dass man noch bewegter und noch viel bewegender Bedeutungsschwere simulieren kann.

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Die deutsche Autorin Felicia Zeller hat schon 2015 über das selbstoptimierte Schaulaufen im Zeitalter überkandidelter Aufmerksamkeitsökonomie und Ego-Empörung geschrieben – und sich dabei lose an Tschechows komischer Tragödie „Iwanow“ orientiert. In Österreich ist „Zweite Allgemeine Verunsicherung“ nun erstmals zu sehen. Michaela Senn setzt es im Innsbrucker Theater praesent in Szene.

„Zweite Allgemeine Verunsicherung“ dürfte bei irgendeiner „Seitenblicke“-Veranstaltung spielen, irgendwelche Filmpreise werden vergeben. Es gibt nicht unbedingt einen roten Faden, aber einen roten Teppich (Ausstattung: Alexia Engl) – und dort wird Perfektion vorgegaukelt und der Status Quo in salbungsvollen Halb- und Dreiviertelsätzen beklagt.

Senn hat Zellers Text – er ist reich an Umwegen und auffallend arm an Verben – auf drei SchauspielerInnen verteilt. Daniela Bjelobradić, Elke Hartmann und Peter Schorn grinsen und glitzern um die Wette, sie drängeln ins Blitzlicht, stellen sich aus – und sie kotzen sich aus, vornehmlich darüber, wie mühsam es doch ist, die – metaphorisch wie buchstäblich – Oberflächenspannung zu halten. Das alles ist bisweilen furchtbar lustig. Und es ist ein bisschen ermüdend. Das gehört dazu. Schließlich geht es in „Zweite Allgemeine Verunsicherung“ auch darum, dass alles allzu oft Wiederholte zur Hölle wird.

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Gespielt werden die Birgits, Helgas und Peters, die im Text namentliche Erwähnung finden, vorzüglich: Bjelobradić tobt hochtourig und schaut mit Sonnenbrille und E-Gitarre ein bisschen aus wie Bob Dylan in seiner evangelikalen Phase; Hartmann zählt akribisch auf, wie und wo sich das Altern in den Körper frisst – und raunt dann ein furztrockenes „Fehlt nur noch, dass ich Verse schreibe“ in den Raum. Und Peter Schorn kommt ohne großes Trara, aber punktgenau, über den Umstand, dass das, was er erzählen möchte, von anderen schon besser erzählt worden ist, ins Stottern – und sinniert dann doch lieber über den Umfang seiner Oberschenkel. Auch beim mehr oder weniger motivierten Versuch, eher gegen- als miteinander in ein Lied einzustimmen, trifft das Trio jede Dissonanzen perfekt. Der Titel des Songs hat das Zeug zur Hymne: „F**K All the Perfect People“. (jole)


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