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Drei Leben, die in Butscha endeten: Hinterbliebene erzählen

Was genau geschah in der Jablunska-Straße in Butscha? Hinterbliebene getöteter Zivilisten berichten von den Gräueltaten in dem Kiewer Vorort.

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Die Ukraine und westliche Staaten warfen den russischen Streitkräften „Kriegsverbrechen“ in Butscha vor. Russland weist die Vorwürfe zurück und wirft den ukrainischen Behörden vor, die Morde inszeniert zu haben.
© RONALDO SCHEMIDT

Butscha – Die Bilder der Toten von Butscha gingen um die Welt: ein alter Mann, zusammengesunken neben seinem Fahrrad, drei weitere, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Reporter der Nachrichtenagentur AFP sahen am 2. April insgesamt 20 Leichen in Zivilkleidung in der Jablunska-Straße von Butscha. Die AFP-Mitarbeiter gehörten zu den ersten Journalisten, die nach dem Abzug der russischen Truppen in den Kiewer Vorort gelangt waren.

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Die Ukraine und westliche Staaten warfen den russischen Streitkräften „Kriegsverbrechen“ in dem kleinen Ort vor. Russland weist alle Vorwürfe kategorisch zurück und wirft den ukrainischen Behörden vor, die Morde inszeniert zu haben.

Doch was genau geschah in der Jablunska-Straße? Wer waren die erschossenen Männer? Und warum mussten sie sterben? AFP hat mit Angehörigen der Opfer gesprochen und Justiz- sowie Polizeiquellen ausgewertet, um das Schicksal von drei der Toten nachzuvollziehen.

Mychailo Kowalenko, erschossen an einem Kontrollposten

Der 62-Jährige versuchte am 5. März, mit Frau und Tochter aus Butscha zu fliehen, solange es noch möglich war. Als die Familie an einen russischen Kontrollposten in der Jablunska-Straße kam, sei Kowalenko „mit erhobenen Händen“ aus dem Auto gestiegen, berichtet Artem, der Freund von Kowalenkos Tochter. Trotzdem hätten die Soldaten das Feuer eröffnet. Kowalenkos Frau und Tochter konnten sich retten, indem sie wegrannten.

Der Leichnam des 62-Jährigen blieb 29 Tage lang in der Jablunska-Straße liegen. Der elegant gekleidete Mann, der klassische Musik und Spaziergänge mit seinem Hund liebte, wurde anhand seiner Kleidung von Angehörigen auf einem AFP-Foto erkannt. „Es war furchtbar“, sagt Artem, der am 18. April Kowalenkos Leiche im Leichenschauhaus identifizierte.

Die Familie von Mychailo Kowalenko stellte dieses Foto zur Verfügung, das den Verstorbenen mit seiner Tochter zeigt.
© APA/AFP/Kovalenko family

Mychailo Romanjuk, der Mann auf dem Fahrrad

Die Leiche des 58-Jährigen wurde auf dem Rücken liegend und begraben unter seinem Fahrrad gefunden. „Wir sind zusammen losgefahren, aber ich bin alleine zurückgekommen“, erzählt Oleksandr Smagljuk. Die Augen des 21-Jährigen blicken starr ins Leere, als er vom 6. März berichtet. An jenem Morgen wollten Mychailo Romanjuk, genannt Myschka, und Oleksandr, der Freund von Myschkas Nichte, mit dem Fahrrad zum vier Kilometer entfernten Militärkrankenhaus in Irpin fahren.

Sie hofften, dort Oleksandrs verletzten Vater besuchen zu können, und wollten die Gelegenheit nutzen, um ihre Handys aufzuladen. Sie waren noch 500 Meter vom Krankenhaus entfernt, als die Schüsse fielen. „Wir haben niemanden gesehen“, sagt Oleksandr. „Ich habe nur die Schüsse gehört und gesehen, wie (Myschka) gestürzt ist.“ Er selbst sei dann mit seinem Fahrrad in eine kleine Gasse geflohen.

Das Grab von Mychailo Romanjuk.
© SERGEI SUPINSKY

Die Jablunska-Straße war ohne das Wissen der Einwohner von Butscha zu einem Vorposten der russischen Einheiten geworden, welche die Stadt eingenommen hatten. Auf den Straßen wurden Barrikaden errichtet, in den umliegenden Häusern Soldaten stationiert. Die Soldaten hätten „auf alles geschossen, was sich bewegte“, sagt Butschas Polizeichef Witaly Lobass.

28 Tage lang blieb Romanjuks Leiche auf dem Bürgersteig liegen. „Er hat es geliebt zu singen. Er war ein fröhlicher Mann, der gerne mal einen über den Durst getrunken hat“, erinnert sich Viktoria Watura, Romanjuks Schwägerin.

„Maksym, der Furchtlose“

Maksym Kiriejews Leiche wurde mit dem Gesicht nach unten an einem Kreisverkehr zwischen der Jablunska- und der Jaremtschuka-Straße gefunden. Daneben lagen zwei weitere Leichen, einer davon waren die Hände mit einem weißen Stoffstreifen auf dem Rücken gefesselt, den viele Ukrainer verwenden, um sich als Zivilisten kenntlich zu machen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der 39-jährige Bauarbeiter überlebt, indem er in verschiedenen Kellern Zuflucht suchte, erzählt seine Bekannte Iryna Schewtschuk. „Alle nannten ihn 'Maksym, den Furchtlosen'“, da er stets bereit gewesen sei, anderen zu helfen und Besorgungen zu machen. Am 17. März verließen er und ein weiterer Mann ihren Unterschlupf. Kiriejew wollte auf einer nahen Baustelle Kleidung zum Wechseln holen. Er kam nie zurück. (AFP)

Ein Selfie vom Handy von Maksym Kiriejew.
© APA/AFP/Maksim Kiriv's friend

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