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"Eurotrash": Auf der Suche nach Zebra und Edelweiß

Ausflug ins Nirgendwo: Christian Krachts Roman „Eurotrash“ als österreichische Erstaufführung am Akademietheater.

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Geldregen und schief hängender Familiensegen: Johannes Zirner und Barbara Petritsch sind das explosive Mutter-Sohn-Duo vor Glitzervorhang.
© Hassler-Smith

Von Bernadette Lietzow

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Wien – Christian Krachts im Vorjahr erschienener und nun auch am Wiener Akademietheater zu Bühnenehren gekommener Roman „Eurotrash“ ist vieles. Irrwitziger Roadtrip, Mutter-Sohn-Beziehungsdrama, tragische Komödie oder nahe am Kitsch vorbeischlitternde Tragödie. Vor allem ist der Roman jedoch ein mit Autofiktion jonglierender feinsinniger Abgesang auf das satte, selbstgefällige wie imposante Wirtschaftswunder-Europa und dessen allen historischen wie persönlichen Unrat unter den Perserteppich kehrende ProtagonistInnen.

In „Eurotrash“ begibt sich der Ich-Erzähler, den man aus Krachts Bestseller „Faserland“ (1995) kennt, erneut auf eine Reise, diesmal in die Untiefen der eigenen Familien-Geschichten. Begleiterin auf einer zwischen Realität und Behauptung oszillierenden Exkursion ist seine ebenso glamouröse wie demente Mutter. Stoff genug für Christian Krachts Kunst des pointierten Über-Drüber und als Theaterstück ein Fest für ein famoses Duo.

In Wien nun durchkreuzen Barbara Petritsch und Johannes Zirner die Schweiz – mit 600.000 Franken Bargeld und auf der Suche nach Afrika, Edelweiß wie Seelenfrieden. Weder das eine noch das andere und erst recht keine innere Balance oder Katharsis werden die beiden schicksalshaft Aneinandergeketteten finden. Kracht lässt sie jedoch ein kleines Flämmchen jener Liebe entzünden, die zwischen Eltern und ihren Kindern gelebt werden sollte.

Es gibt leider wenige Momente, wo Petritsch und Zirner in ihrem Spiel die brillant skizzierte Fallhöhe zwischen wehleidiger Ichbezogenheit und klarsichtiger Notwendigkeit eines Miteinander sichtbar machen. Den Großteil der etwas über 100 pausenlosen Minuten verharrt der Abend in einem immer wieder durchaus amüsanten Schlagabtausch, in dem eine prächtige Barbara Petritsch, elegant am Rollator mit vodka- und tablettengefüllter Designertasche, ihren Bühnenpartner einigermaßen blass erscheinen lässt. Johannes Zirner gibt, anders, als man beim Lesen des Stückes beziehungsweise Buches vermutet hätte, einen äußerst sanften Sohn, dessen berechtigte Wut auf seine Mutter in resignative Sentimentalität eingebettet scheint. Was schade ist, weil es ebenso ladegehemmt wirkt wie die fahrbare grünsamtene Sofabank (Ausstattung: Nina Wetzel), deren Fernsteuerung bei der samstägigen Premiere Zicken machte.

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Für den vielfach ausgezeichneten Schauspieler und Regisseur Itay Tiran, seit 2019 in beiden Funktionen am Burgtheater tätig, ist diese fiktive „Afrika“-Reise, die schlussendlich in der psychiatrischen Klinik in Winterthur enden wird, ein Märchen.

Seine Inszenierung, auf Basis einer gemeinsam mit Jeroen Versteele erarbeiteten Fassung, enthüllt dem Publikum nicht Krachts vielschichtig-anarchisches Familien-Porträt, sie bleibt an der Oberfläche der Figuren hängen, verbrämt mit Bühnennebel und der unnötigen Bebilderung von Szenen, die sich vielfach skurriler in den Köpfen der ZuseherInnen abspielen könnten.


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