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Therapie nach Maß verlängert Leben bei Beckentumoren

Eierstockkrebs wird oft viel zu spät entdeckt. Umso wichtiger ist die individuelle und zielgerichtete Behandlung, die am heutigen Welteierstockkrebs-Tag Thema ist.

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Individuell wie Maßbekleidung auf den Körper zugeschnitten sind die neuen Therapien bei Krebs.
© iStock

Von Nicole Strozzi

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Innsbruck – Rund 1900 Frauen erkranken jedes Jahr in Österreich an gynäkologischen Beckentumoren, sprich Gebärmutterhals-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs. Vor allem Eierstockkrebs stellt die Medizin vor eine große Herausforderung. Etwa 700 Frauen erhalten jährlich die Diagnose Ovarialkarzinom. Etwa 400 bis 500 Patientinnen sterben daran, da der Krebs zu spät erkannt wird.

„Das Problem ist, dass wir Krebsvorstufen beim Ovarialkarzinom mittels Screening nicht erkennen können. Noch gibt es keinen Test“, betont Christian Marth, Direktor der Uniklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe Innsbruck. Ist der Krebs bereits im Ultraschall nachweisbar, ist er oft schon in einem fortgeschrittenen Stadium. „Was wir machen können, ist eine Risikofeststellung“, sagt Marth. Wenn eine Frau ein familiäres Risiko in sich trägt, ist es möglich, die Eierstöcke – wie bei Schauspielerin Angelina Jolie – vorsorglich zu entfernen. Die Mehrheit der Frauen entscheide sich für einen solchen Eingriff.

Wie wichtig die zielgerichtete Therapie für Patientinnen ist, war Thema eines Kongresses der Arbeitsgemeinschaft für gynäkologische Onkologie (AGO). Anlässlich des heutigen Ovarialkarzinom-Tages diskutierten Experten, darunter Christan Marth, über den Fortschritt der Präzesionstherapie bei Beckentumoren.

Christian Marth (Direktor Frauenklinik)

2015 galten noch andere Leitlinien. Es gab eine Therapie für alle Beckentumore.

2015 waren die medizinischen Leitlinien noch komplett andere. „Der Tumor wurde dazumal im Mikroskop analysiert. Es gab eine Therapie für alle gynäkologischen Beckentumore“, erklärt der Klinikchef. In den letzten zwei, drei Jahren habe sich die Situation komplett verändert. „Es gibt keine ‚One-size-fits-all‘-Therapie mehr“, so Marth. Was für die Patientin A gut ist, muss für Patientin B nicht gelten. Um ein maßgeschneidertes Konzept für jede einzelne zu finden, werden mit Biomarkern Proben aus Blut oder Gewebe bis ins kleinste Teil untersucht: „Der Tumor wird auf Eiweiße, RNA, DNA analysiert. Auch seine Umgebung wird untersucht. Wir überprüfen die Funktion von vielen Genen.“

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Wird bei einer Patientin mit Eierstockkrebs beispielsweise eine bestimmte Störung der DNA im Tumor entdeckt, so werden nach der Chemotherapie zur Erhaltung Medikamente aus der Gruppe der so genannten Parp-Inhibitoren eingesetzt. Diese sollen verhindern, dass der Krebs zurückkommt.

„Auch für Patientinnen mit familiär bedingtem Eierstockkrebs, bei denen eine entsprechende Gen-Veränderung gefunden wurde, sprechen gut auf diese Therapie an“, sagt der Gynäkologe. Somit profitieren etwa die Hälfte aller Patientinnen mit Eierstockkrebs von den neuen Medikamenten. Sie verlängern nicht nur die Überlebensrate, die Frauen erleben die gewonnene Zeit auch mit deutlich weniger Symptomen und Nebenwirkungen. Wird ausschließlich mit Chemo behandelt, sieht der Effekt oft anders aus.

Fakten

Fallzahlen: Etwa 900 bis 1000 Frauen erkranken jährlich an Gebärmutterkörperkrebs, etwa 700 Frauen an Eierstockkrebs, etwa 400 an Gebärmutterhalskrebs. Auf Tirol gerechnet sind es jeweils etwa ein Zehntel der Frauen.

Mortalität: Die Prognose ist bei Gebärmutterkörper- und Gebärmutterhalskrebs besonders günstig, da diese Tumoren meist frühzeitig diagnostiziert werden. Bei Eierstockkrebs wird die Diagnose oft erst im fortgeschrittenen Stadium gestellt.

Auftreten: In den allermeisten Fällen tritt Eierstockkrebs erst nach den Wechseljahren auf, meist sogar erst ab dem Alter von 60 Jahren.

Genetik: Bei erblicher Belastung und Mutation im Brustkrebsgen BRCA-1 oder BRCA-2 ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit besonders hoch. Eine genetische Beratung kann zur Klärung beitragen.

Symptome: Bauchschmerzen, Verdauungsbeschwerden und ein wachsender Bauchumfang können unspezifische Symptome bei Eierstockkrebs sein.

Einen ähnlichen Fortschritt gibt es beim Gebärmutterkörperkrebs, dem häufigsten Beckentumor. „Eine bestimmte Patientengruppe braucht dank molekularbiologischer Charakterisierung des Tumors keine Chemotherapie, sondern nur noch eine Operation. Früher wurden diese Frauen alle mit einer Chemotherapie behandelt, weil der Tumor im Mikroskop bedrohlich ausschaut“, nennt Marth ein Beispiel. Andere Patientinnen sprechen gut auf eine Immuntherapie an. Eine internationale Studie mit 800 Patientinnen soll die Wirksamkeit dieser Behandlungsform bestätigen.

Bei der Immuntherapie wird die körpereigene Abwehr genutzt und gestärkt. Auch bei Gebärmutterhalskrebs erzielt man durch diese zukunftsträchtige Therapie große Erfolge. „Bei bestimmten Patientinnen sind Immuntherapien Standard geworden“, sagt Marth. Sie kommen nicht erst bei einem Rückfall oder bei Metastasen zum Einsatz. Diese Behandlungsform soll helfen, Chemotherapien zu ersetzen.

Bei Gebärmutterhalskrebs müsste es allerdings gar nicht erst so weit kommen. „Gebärmutterhalskrebs könnte man durch eine HPV-Impfung zu 90 Prozent verhindern“, betont Marth. „Doch noch immer betreue ich junge Patientinnen, obwohl es diese Krankheit eigentlich gar nicht mehr geben müsste“, bedauert Marth.


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