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WHO-Adipositas-Report: Forderung nach „Präventionspass" in Österreich

Die meisten Menschen sind in Österreich übergewichtig. Bei den Männern sind es gar mehr als 60 Prozent. Mediziner diskutieren längst darüber, wie man dem Problem begegnen kann. Ein Vorschlag dabei ist ein – lebenslanger – „Präventionspass".

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Laut dem europäischen Adipositas-Report der WHO sind 54,3 Prozent der erwachsenen Österreicher übergewichtig oder adipös.
© Lino Mirgeler

Wien – Der aktuelle europäische Adipositas-Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vergangene Woche für Schlagzeilen gesorgt. Wer an der wachsenden Misere etwas ändern will, sollte auf langfristige Maßnahmen setzen, hielten dazu österreichische Experten fest. Als erster Schritt sollte der Mutter-Kind-Pass zumindest bis zum 18. Lebensjahr ausgeweitet werden.

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"Für die Entstehung von Übergewicht gibt es im Kindes- und Jugendalter vor allem zwei Phasen, wo es schnell gehen kann. Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr und dann vom zehnten bis zum zwölften Lebensjahr. Man kann nicht warten, bis ein Kind 80 Kilogramm wiegt. Ich habe vor wenigen Tagen eine 17-Jährige gesehen mit 110 Kilogramm. Es wird geschätzt, dass 80 Prozent der Jugendlichen, die im Alter zwischen 14 und 16 Jahren übergewichtig sind, dann auch als Erwachsene übergewichtig sind. Sie nehmen das mit. Das 'wächst' sich nicht aus", sagte Kurt Widhalm, jahrzehntelang Wissenschafter auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendheilkunde mit dem Fokus auf Stoffwechselerkrankungen, Ernährung und Adipositas.

Man kann nicht warten, bis ein Kind 80 Kilogramm wiegt.
Kurt Widhalm

Mehr als die Hälfte der erwachsenen Österreicher übergewichtig

Laut dem europäischen Adipositas-Report der WHO sind 54,3 Prozent der erwachsenen Österreicher (61,8 Prozent der Männer und 46,8 Prozent der Frauen) übergewichtig oder adipös. 20,1 Prozent fallen in die Kategorie der Adipösen (21,9 Prozent der Männer und 18,3 Prozent der Frauen). Für die bis zu Fünfjährigen lagen der Weltgesundheitsorganisation aus Österreich keine Daten vor.

Unter den Fünf- bis Neunjährigen sind in Österreich 28,1 Prozent übergewichtig oder adipös (31,3 Prozent der Buben, 24,8 Prozent der Mädchen), die Adipositas-Rate liegt in dieser Altersklasse insgesamt bei 10,5 Prozent (13 Prozent der Buben und 7,8 Prozent der Mädchen). Auch bei den Zehn- bis 19-Jährigen ist das Problem groß: 25,8 Prozent der österreichischen Jugendlichen sind übergewichtig oder adipös (28,6 Prozent der Burschen, 22,9 Prozent der weiblichen Jugendlichen), Adipositas trifft insgesamt 7,8 Prozent in dieser Altersklasse (10,3 Prozent der Burschen, 5,1 Prozent der weiblichen Jugendlichen).

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Daten vom Mutter-Kind-Pass noch nie ausgewertet

Für Widhalm ist zunächst einmal leicht nachvollziehbar, dass es in dem Bericht an den Daten für die unter fünfjährigen Kinder in Österreich mangelt: "Wir haben den Mutter-Kind-Pass. Den hat die damalige Gesundheitsministerin Ingrid Leodolter (1974, Anm.) eingeführt. Aber ausgewertet wurden die Daten noch nie."

Nach dem Mutter-Kind-Pass klaffe jedenfalls ein große Lücke. Widhalm: "Bereits vor rund 15 Jahren wurde unter Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (ÖVP) ein Gesundheitspass für die Jugendlichen entworfen. Er wurde auch gedruckt. Aber verwendet wurde er nicht." Die Aktivitäten seien an einem Streit zwischen den Schul- und den Kinderärzten Österreichs über Prozedere und Bezahlung gescheitert. "Wir brauchen einen Jugend-Gesundheitspass bis 18 Jahre. Derzeit ist der nächste Schritt dann die Stellungsuntersuchung. Sie trifft die jungen Männer. Und da sind dann ein Drittel bereits krank, haben Übergewicht, sind herzkrank oder haben andere Leiden."

Lebensbegleitender Präventionspass als Optimum

Bereits im vergangenen Jahr wurde beispielsweise im Rahmen der Praevenire Gesundheitstage im Stift Seitenstetten ein über viel längere Zeiträume als die ersten fünf Lebensjahre laufender "Präventionspass" gefordert. Erst vor wenigen Tagen formulierte dies der Präsident der Praevenire-Initiative, der ehemalige Sozialversicherungs-Hauptverband-Chef und Ex-Finanzminister Hans Jörg Schelling, bei der Vorstellung der aktuellen Ausgabe des Praevenire Weißbuch so: "Eine Forderung, wenn man das Ziel 'weg von der Reparaturmedizin, hin zur Präventionsmedizin ernst nimmt', ist, dass man den Mutter-Kind-Pass zu einem lebensbegleitenden Präventionspass ausgeweitet wird, zumindest aber bis zum 18. Lebensjahr."

Auch Eva Höltl, Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank AG, äußerte sich ähnlich: "Ich habe eine deutliche Meinung dazu. Ich glaube persönlich, dass wir natürlich mehr Vorsorge bei den Kindern und Jugendlichen benötigen. Wir sehen zum Beispiel die Lehrlinge ab dem Alter von 15 Jahren. Deren Gesundheitszustand ist kein ganz guter mehr. 15- bis 16-Jährigen wird man nicht mehr mit einem 'Mutter-Kind-Pass' kommen können. Aber wir sollten feststellen, für welche Altersgruppe welche Gesundheitsvorsorge am wichtigsten ist und wofür es die beste wissenschaftliche Evidenz gibt. Wenn es um Gesundheitsvorsorge geht, muss man die Menschen in ihren Lebenswelten abholen." Das seien für die Jugendlichen natürlich die Schulen, ihre Ausbildungs- und Arbeitsplätze etc. Dann müsste man maßgeschneidert an die jeweilige Altersgruppe herankommen. "Ich finde die Idee eines Vorsorgepasses sehr schön", sagte Eva Höltl.

Warnzeichen erkennen

In Sachen Körpergewicht kommt es jedenfalls darauf an, die Entwicklung von den sprichwörtlichen "Kindesbeinen" am besten bis ins hohe Lebensalter zu verfolgen. Widhalm: "Wenn ein Kind zum Beispiel vom Alter von vier bis fünf Jahren bis zum sechsten Lebensjahr von der 75. Perzentile in die 90. Perzentile mit dem Gewicht hinaufkommt, muss man was tun – gemeinsam mit der Familie und mit echter Schulung. Das ist gar nicht so schwierig (75. Perzentile - 75 Prozent der Menschen darunter; 90. Perzentile – 90 Prozent der Menschen darunter, Anm.).

Frühes Erkennen von Problemen und entsprechendes Handeln, kann auch auf anderem Gebiet später jahrzehntelange Probleme verhindern helfen. "Kinder- und Jugendorthopädie bedeutet an sich schon Prävention", sagte vergangenes Jahr Catharina Chiari (Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie/Wien) beim Praevenire Gesundheitsforum in Seitenstetten. Das "orthopädische Bäumchen" als Symbol der Kinderorthopädie als "junges Bäumchen, das noch biegsam ist" sei hier höchst zutreffend. Fehlstellungen seien "am besten am Tag nach der Geburt" zu diagnostizieren. " Langfristig ließen sich auch Arthrosen und spätere Wirbelsäulendegenerationen auf diese Weise verhindern.

Mehr Kontrollen sollen verpflichtend werden

Eine engmaschigere Kontrolle durch Orthopäden sei jedenfalls für Kinder und Jugendliche zu fordern. "Im Mutter-Kind-Pass haben wir nur das Säuglingsalter abgebildet (zwei Hüftsonografien, eine orthopädische Untersuchung; Anm.). Alle anderen orthopädischen Untersuchungen sind nicht verpflichtend", sagte Catharina Chiari. Eine Kontrolle nach Gehbeginn, beim Schulkind eine Kontrolle vor Schulbeginn und in der Adoleszenz präpubertär dann eine weitere Untersuchung bei Mädchen (elf Jahre) und bei Buben (13 Jahre) sei jedenfalls zu fordern.

Für Widhalm wäre das speziell auch bei dokumentiertem Übergewicht extrem wichtig: "Die Betroffenen haben oft bereits im Kindes- und Jugendalter Knieprobleme oder gar Knochenödeme durch die Überbelastung. Die können auch gar nicht am normalen Turnunterrricht teilnehmen." Bei Feststellung von Problemen, Kontrollen und Gegenmaßnahmen könnte ein Präventionspass helfen. Das gelte auch für die wissenschaftliche Aufarbeitung. "Mit Vergleichsgruppen kann man leicht den Effekt überprüfen", sagte der Experte. Diese Themen werden auch beim bevorstehenden diesjährigen Praevenire-Gesundheitsforum (18. bis 10. Mai, Stift Seitenstetten; www.praevenire.at) diskutiert werden. (APA)


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