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Zwischen Propaganda, Spott und Tanz: Ein Tag mit Russlands Staats-TV

Das Staatsfernsehen ist eines der wichtigsten Sprachrohre des Kremls. Täglich werden hier die Erfolge der "Spezialoperation" im Nachbarland präsentiert. In der wichtigsten Talkshow ergießt sich beißender Spott über die ukrainischen Widerstandskämpfer. Dazwischen darf auch mal getanzt und gesungen werden.

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Russlands Präsident Wladimir Putin ist im Staatsfernsehen nicht der geringsten Kritik ausgesetzt. (Symbolfoto)
© Alexander Shcherbak via www.imago-images.de

Von Hannah Wagner/dpa

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Moskau – Wer als kremltreuer Russe in diesen Tagen das Staatsfernsehen einschaltet, für den ist die Welt durchaus in Ordnung. Am Sonntag zum Beispiel zeigt Rossija-1 in den 11.00-Uhr-Nachrichten die Kapitulation der letzten ukrainischen Kämpfer aus dem Stahlwerk in Mariupol. Zu sehen sind Männer mit langen Bärten, blassen Gesichtern und Hakenkreuz-Tattoos. Sie hätten die Stadt völlig vermint, behauptet die Nachrichtensprecherin.

Zur Beruhigung fügt sie aber gleich hinzu, damit sei es nun vorbei. "Azovstal ist komplett von den ukrainischen Nationalisten gesäubert."

Sie haben sich in Gefangenschaft begeben. Einfach die Pfötchen nach oben gestreckt und sich ergeben.
Talkshow-Moderator Wladimir Solowjow macht sich über die letzten Verteidiger in Mariupol lustig

Die angebliche Befreiung der Ukraine von "Faschisten" und "Nazis" ist Moskaus wichtigste Rechtfertigung für den Angriffskrieg gegen das Nachbarland, der nun schon mehr als drei Monate dauert. Dass sich in Mariupol auch Kämpfer des tatsächlich von Rechtsextremen dominierten Asow-Regiments ergaben, ist für Russlands Staatsfernsehen geradezu ein Geschenk. Man kann einen ganzen Tag vor dem Bildschirm verbringen, ohne irgendwelche abweichenden Meinungen zu sehen oder zu hören.

Dass es sich bei den Asow-Mitgliedern nur um einen Bruchteil der kämpfenden Frauen und Männer handelt, wird von den kremltreuen Medien nicht erwähnt. Dass für Tod und Leid von Zivilisten oft russische und prorussische Militärs verantwortlich sind, auch nicht. Und dass Mariupol nach der wochenlangen Belagerung international zum Symbol für die Brutalität des russischen Angriffskriegs wurde, erst recht nicht.

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Kritische Nachrichtenkanäle nur noch über Umwege zu erreichen

Umfragen zufolge wird der Krieg von der Mehrheit der rund 146 Millionen Russen unterstützt. All diese Menschen als hilflose Opfer von Staatspropaganda zu betrachten, wäre zu einfach. Kritische russischsprachige Nachrichtenkanäle gibt es weiterhin – auch wenn sie oft nur noch über Umwege wie alternative Internetverbindungen zu erreichen sind. Zugleich ist das Internet gerade in der Provinz aber oft schlecht oder gar nicht existent. Wer auf Kritik nicht zugreifen kann oder will, sieht nur das, was der Kreml ihm sagen will.

Aufsehen erregte die Redakteurin Marina Owsjannikowa, die Mitte März während der Hauptnachrichtensendung des ersten Kanals mit einem Anti-Kriegs-Plakat ins Bild sprang.
© HANDOUT

An diesem Nachmittag ist das etwa folgendes: Das Gebiet Cherson – wo die Bevölkerung immer wieder gegen die russischen Besatzer protestierte – sei nun "gesäubert". Ein Reporter zeigt, wie prorussische Kämpfer an den Waffen trainiert werden. "Die Jungs sind Prachtkerle", sagt ein Ausbilder. Einen Panzer, den wohl ukrainische Soldaten zurückließen, bezeichnet der Reporter als "Trophäe". Sogar eine Feldsauna sei eingerichtet worden, erzählt er und stapft dazu mit dem Mikro in der Hand durch ein Waldstück.

Hohe Verluste in der eigenen Armee werden nicht erwähnt

Zwischen den Nachrichten gibt es eine Musiksendung. Es wird gesungen, getanzt, gelacht. Der Krieg – oder vielmehr die "militärische Spezial-Operation", wie das hier nur heißt – scheint weit weg. Kritik am Vorgehen der Streitkräfte ist tabu. Wer es trotzdem wagt, riskiert nach einem neuen Gesetz bis zu 15 Jahre Haft. Umso mehr Aufsehen erregen Aktionen wie die der bis dahin linientreuen Redakteurin Marina Owsjannikowa, die während der Hauptnachrichtensendung des ersten Kanals mit einem Anti-Kriegs-Plakat ins Bild sprang.

Präsident Putin und Talkshow-Moderator Wladimir Solowjow sind langjährige Weggefährten. Hier bei einer Auszeichnung des Moderators im Jahr 2013.
© MIKHAIL METZEL

An diesem Tag bleiben solche Zwischenfälle aus. Im abendlichen Wochenrückblick werden Bilder aus dem besonders umkämpften Osten der Ukraine gezeigt. Dass die eigene Armee Experten zufolge seit Wochen hohe Verluste erleidet und den Widerstand der Ukrainer komplett unterschätzt hat, sehen die Zuschauer von Rossija-1 nicht. "Wir erfüllen alle Aufgaben – bis zum Sieg", hören sie stattdessen von einem Soldaten im Gebiet Luhansk. Dann sehen sie Aufnahmen von russischen Nationalgardisten, die in eroberten Gebieten Sportkurse für Kinder anbieten, von geretteten Haustieren und von Menschen, die Russland-Fähnchen schwenken.

Spott für Ukrainer in der kremltreuen Talkshow

Zum Tagesabschluss steht die Talkshow von Wladimir Solowjow an – Kritiker bezeichnen ihn als einen der wichtigsten Propagandisten des Kremls. Wieder geht es um Mariupol. Solowjow äfft zuerst den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nach, dann macht er sich über die letzten Verteidiger der Stadt am Asowschen Meer lustig. Nicht mal den Heldentod habe Kremlchef Wladimir Putin ihnen gegönnt, spottet er. "Sie haben sich in Gefangenschaft begeben. Einfach die Pfötchen nach oben gestreckt und sich ergeben."

Unter Solowjows acht Gästen ist an diesem Abend auch die Chefredakteurin des ebenfalls staatlichen Senders RT, Margarita Simonjan. Sie nennt die Ukrainer "Feiglinge" ohne Moral. "Schaut, wie sie sich ergeben haben – in grünen Unterhöschen", ruft sie zu Aufnahmen fast nackter Männer, die sich auf offener Straße vor ihren Gegnern ausziehen und durchsuchen lassen müssen. "Sie haben sich ergeben, weil sie Nazis sind", sagt Simonjan zufrieden. "Und Nazis ergeben sich immer."


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