Kunst

Rabe meets Glücksbärchi: Werke von Paul Flora in Stams und Telfs

Der Südtiroler Bildhauer Josef Rainer sucht Flora in Charakterköpfen berühmter Geschichten, etwa von Jules Verne.
© MG Telfs/Pichler

Ende des Monats wäre Tirols Vorzeigekünstler Paul Flora 100 geworden. Das Jubeljahr feiern derzeit zwei Ausstellungen in Stams und Telfs. Auf unterschiedliche Weise.

Stams, Telfs – Die Albertina in Wien hat ihm schon 2021 gratuliert. Das Karikaturmuseum in Krems jubiliert noch das ganze Jahr über. Am 29. Juni wäre Tirols „Bilderschriftsteller“ Paul Flora 100 Jahre alt geworden – ein Grund für gleich mehrere Institutionen, dem 2009 verstorbenen Überkünstler eine Ausstellung zu widmen. Von einigen in Tirol hätte es viele erwartet und wurden enttäuscht – wie dem frisch eröffneten Klocker-Museum in Hall, dessen Sammlung ein beachtliches Flora-Konvolut beinhaltet. Von anderen Häusern hingegen wird man überrascht.

Die Tiroler Landesmuseen (TLM) gratulieren nur leise – nachdem sie 2016 den Karikaturisten Flora in einer aufsehenerregenden Schau in den Fokus nahmen. „Von nichts kommt nichts“ heißt die Miniausstellung, die aktuell im Kreuzgang des Zisterzienserstift in Stams zu sehen ist. 18 Radierungen sowie die Mappe „Die Raben“, Werke aus der Kunstsammlung des Stiftes zeigen dort nebst Flora-Briefen, Fotos und Arbeitsmaterialien (u. a. sein prall gefüllter Papierkorb!) aber kaum Überraschendes. Kuratiert wurde die knappe, dafür mit technischen Erklärungen versehene Schau von Roland Sila und Ex-TLM-Direktor Gert Ammann.

So ganz anders ist Kuratorin Karin Pernegger das Flora-Jubeljahr für die Villa Schindler in Telfs angegangen. Anders weil „Spitze Feder Schnabel Tänze“ über Flora hinausgeht: Sechs zeitgenössische KünstlerInnen dies- und jenseits des Brenners haben sich dafür mit Flora auseinandergesetzt.

„Bildschriftsteller“ Paul Flora verstarb 2009 86-jährig.
© Imago

Dieses Erbe kann bereichernd, aber auch beengend sein. Für den Osttiroler Benjamin Zanon wurde der Auftrag zum intensiven Studium von Floras Technik und Motivik. Zanons zarte, verästelte, eigentlich von Computerspielen inspirierte Maps werden nun also von Flora-Motiven bevölkert – allen voran vom omnipräsenten Raben. Interessanter, weil abstrahierter ist die Interpretation von Floras „Ballspiel“: Die zwei Figuren tänzeln aufgelöst in regelmäßige Strukturen auf einzelnen Blättern.

Den Strich des Künstlers sucht man bei der Südtirolerin Petra Polli vergebens. Wirklich spüren kann man Flora bei ihr im Umgang mit Sprache. Auch wenn Polli mit Worthülsen hantiert. Erst wenn „Prozess“ mit Beton gefüllt wird, bekommt das Ganze auch Gewicht. Nicht nur wortwörtlich.

Mehr als intensiv, direkt persönlich ist dagegen die Arbeit der Innsbruckerin Katharina Cibulka geraten. Sie verwebt ihre Biografie mit Floras Leben – Fakt und Geschichten von damals werden eins. Über den Großvater landet Cibulka am Ende in der (Kriegs-)Gegenwart.

Ungeahnt nahe an Flora als Person kam auch der Innsbrucker Patrick Bonato. Im Comic-Stil zeichnet er sich direkt in die Flora-Welt. Ganz köstlich: Bonatos imaginierte Planscherei im Grottenbad der Flora-Villa – womit er im Idealfall sogar die Frage nach dem Umgang mit künstlerischem Erbe in Tirol (Stichwort: Lackner-Bad) aufwirft.

Während der Brixner Bildhauer Josef Rainer den Erzähler in Flora in Charakterköpfen berühmter Geschichten findet, bleibt die Trientnerin Laurina Paperina die Anarchozeichnerin, die sie immer war. Hier clasht Popkultur auf bunte Kapitalismuskritik – und die Glücksbärchis werden zu datenverschlingenden Monsterchen. Über die Pestmasken, die aus Floras Karnevalsszenen nicht wegzudenken sind, findet auch sie – jetzt wird’s plakativ – ins pandemische Heute.

Auf Flora selbst muss man in der Telfer Ausstellung übrigens nicht verzichten. Für ihren Tirol/Südtirol-Austausch hat sich Pernegger die Flora-Sammlung des Stadtmuseums Bruneck ausgeliehen. Gleich die ganze. Dafür wird „Spitze Feder Schnabel Tänze“ ab September auch in Bruneck zu sehen sein. Für Telfs ist die Schau jedenfalls ein erstes Vortasten in ein zeitgenössisches (und zeitgemäßes) Programm. Dafür müsste dann nur noch an der Zugänglichkeit (Öffnungszeiten!) geschraubt werden.