Musik

Welter und Frühstücks „Winterreise": Höchste Gänsehautgefahr

Vormerken: Am 18. November gastieren Clara Frühstück und Oliver Welter im Haus der Musik Innsbruck.
© Pertramer

„Naked Lunch“-Sänger Oliver Welter und die Piano-Virtuosin Clara Frühstück gehen mit Franz Schubert und Wilhelm Müller auf eine aufsehenerregende „Winterreise“.

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der von Fachleuten fast schon rituell gefeierte Liedsänger Ian Bostridge nannte Schuberts „Winterreise“ in seinem Buch über den auf Bühnen und an Schreibtischen wohl meistinterpretierten Liedzyklus „das erste und großartigste Konzeptalbum“. Das Zitat hat der popaffine Radiomacher, Filmschlagerkomponist und selbsterklärte Kunstlied-Banause Fritz Ostermayer ausgehoben. Er zitiert es in einem Text, den man früher wohl „Liner Notes“ genannt hätte und der sich heute im digitalen Beiwerk einer neuen „Winterreise“-Einspielung findet. Wenn Ostermayer über eine Platte schreibt, steht man als der, der es ihm nachtun soll, recht nackt da: Treffender als von ihm lässt sich ein Hörereignis kaum umschreiben.

Im Fall dieser neuen „Winterreise“ ist man sogar doppelt nackt: Schon als es das Projekt noch nicht gepresst oder digital für daheim und unterwegs gab, als es diese „Winterreise“ also nur auf der Bühne des Wiener Akademietheaters gab, wo sie vor gut einem Jahr uraufgeführt wurde, waren die ersten Reaktionen einschüchternd euphorisch. Katja Gasser etwa, damals öffentlich-rechtliche Kulturberichterstatterin und mittlerweile Leiterin des Österreichischen Buchmesse-Auftritts in Leipzig 2023, also zweifelsfrei geübt im Umgang mit dem Schaurigschönen, bekannte, geweint zu haben. Die Kritiken, die in den Tagen nach der Uraufführung erschienen, überboten sich mit Superlativen.

Was also soll man über diese „Winterreise“, die nun auch Album geworden ist, noch sagen? Zunächst die Fakten: „Winterreise“ ist eine Zusammenarbeit der im Feld des Klassischen wie des Experimentellen geübten Pianistin Clara Frühstück und des Musikers Oliver Welter, der als Frontman von Naked Lunch bekannt wurde.

Klassik Oliver Welter, Clara Frühstück: Winterreise. Col legno.

Frühstück und Welter – seit einigen Jahren ein halber Wahl-Innsbrucker – haben lange an dem Projekt gearbeitet. Sie haben ganze Klanglandschaften durchwandert und nach neuen Formen für ihren winterlichen Aufbruch ins Jenseitige gesucht. Manchmal sind sie mit elektronisch verstärktem Piano und E-Gitarre trotzdem seltsam nah an Schubert. Dann wiederum ziehen sie selbstbewusst weiter. An Wilhelm Müllers schauerromantischen Texten wurde sowieso nichts geändert. Sie kommen zur besonderen Geltung. Zum Auftakt etwa, bei „Gute Nacht“, schwebt die Erzählung über zurückhaltenden Gitarren. Welter gibt sich ihr hin: sehnsüchtig, zögernd, bisweilen fast brüchig, das Unheil drohte selten schöner.

Dann wieder ist diese „Winterreise“ beinahe purer Klang: kristallklares Klavier, wuchtige Soundwände, Noise-Anklänge. Die Schritte hinüber in Richtung „Leiermann“ haben Groove, es knarzt, es schillert, es hallt – und es knallt. „Der stürmische Morgen“ etwa springt einen nachgerade an. Und spätestens wenn Clara Frühstück mit hellstem Sopran in Welters Vokalwanderungen einstimmt, bei „Gefrorne Tränen“ zum Beispiel, herrscht selbst daheim und wohl auch noch im Hochsommer und mit Blick aufs Meer, höchste Gänsehautgefahr.

Die, die Schuberts „Winterreise“ im klassischeren Gewand kennen, können sich hier neu verlieben. Novizen und Kunstlied-Banausen, den selbsterklärten genauso wie den echten, eröffnen sich aufregende Erfahrungswelten.

Kurzum: Diese „Winterreise“ wird bleiben. Am 18. November gastieren Oliver Welter und Clara Frühstück damit im Innsbrucker Haus der Musik. Die Karten dafür sollte man sich am besten bereits heute sichern. Es wird sich lohnen. Versprochen.