#MeToo

Unangenehm bis traumatisch: Regisseurin Mückstein macht zahllose #MeToo-Berichte publik

#MeToo in Österreichs Filmbranche wurde wohl noch nie so konzentriert diskutiert, bei Regisseurin Katharina Mückstein haben sich Hunderte Betroffene gemeldet.
© imago

Vorab zur Verleihung des Österreichischen Filmpreises: Regisseurin Katharina Mückstein bringt online die Diskussion um #MeToo ins Rollen. Sie hat ihre eigenen Erfahrungen und jene hunderter Betroffener öffentlich gemacht.

Innsbruck, Wien – Übermorgen trifft sich die heimische Filmwelt in Grafenegg, um sich und ihr Schaffen zu feiern. Der Österreichische Filmpreis wird vergeben. Dabei dürfte auch die Situation der Filmbranche Thema sein – in diesem Jahr aber der Status quo abseits der Pandemie. Regisseurin Katharina Mückstein hat nun eine neue alte Debatte auf den Tisch gebracht, die seit 2017 international unter dem Hashtag #MeToo zusammengefasst wird und so heftig und konzentriert in Österreich noch nie geführt wurde. Es geht einmal mehr um Diskriminierung, sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch – und zwar in der heimischen Filmbranche.

📽️ Video | Übergriffe in Film- und Theaterbranche

Seit rund einer Woche macht die Filmemacherin nach einem erschreckend ehrlichen Posting über die Anfänge ihrer Karriere anonymisierte Beiträge von KollegInnen öffentlich, die ihr zugesandt wurden. Hunderte sollen es laut der Regisseurin inzwischen sein. Das Spektrum der Erzählungen reicht von unangenehmen Vorkommnissen bis hin zu traumatischen Erlebnissen – und sie kommen nicht nur von Frauen.

Von Bedrängnis bis Vergewaltigung

Die Schauspielerinnen, die von übergriffigen Entscheidungsträgern und anzüglichen Angeboten berichten, sind aber weit in der Überzahl. Sie erzählen etwa von einem Regisseur, der Nacktheit beim Casting voraussetzte, obwohl bereits von vornherein klar war, dass die Schauspielerin zu jung für die Rolle sei. Oder von einem Arbeitgeber, der statt der Besprechung des Arbeitsauftrages von einer Sprecherin eine Beschreibung ihrer Geschlechtsteile verlangte. Das allein sind zwei Fälle, die Mückstein gestern online teilte. Nachzulesen sind alle Beiträge auf dem persönlichen Instagram-Kanal der Regisseurin. Dort seien ihr auch Vergewaltigungen zugetragen worden, erzählte Mückstein dem ORF. Einiges wurde also bewusst nicht veröffentlicht.

Die Reaktionen bekam Mückstein, weil sie selbst Erfahrungen an der Filmakademie Wien schilderte, von übergriffigen Kommentaren des Lehrpersonals oder einem Professor erzählte, der ganz offen sagte: „Mückstein, ich will dich ficken.“ Viele seien für ihr Verhalten bekannt, so Mückstein online, viele würden aber dennoch weiterhin vom System geschützt.

Plattform #we_do eingerichtet

Dass die hierarchische Struktur der Branche Übergriffe fördert, versucht u. a. die Plattform #we_do! – eingerichtet vom Dachverband der Österreichischen Filmschaffenden – seit 2019 aufzuzeigen. Die Anlauf- und Beratungsstelle informiert und begleitet Betroffene (2020 laut Jahresbericht 37 Fälle), berät aber auch Produktionen, die präventiv gegen Diskriminierung vorgehen wollen. Bei #we_do! gebe es seit einigen Tagen einiges zu tun, heißt es aus Wien. Und auch rund um die Mückstein-Debatte liest man online immer öfter: #MeToo in Österreich habe gerade erst begonnen. (bunt)

„Sexuelle Übergriffe gibt es überall“

Christine Baur wurde im Frühjahr 2018 im Zuge der Causa Gustav Kuhn bei den Tiroler Festspielen Erl als Ombudsfrau für die Belegschaft neu installiert, als Anlaufstelle für Beschwerden aller Art. Und die vormalige Tiroler Soziallandesrätin (2013 bis 2018 für die Grünen) ist auch mehr als vier Jahre später unverändert in Amt und Würden. Arbeit gebe es für sie in Erl nämlich weiterhin, erklärt Baur der TT, wenn auch „vereinzelt und nicht massenhaft“. Eine von fünf Beschwerden habe sexuelle Belästigung zum Inhalt, so die Ombudsfrau.

Baurs Fazit im Lichte der neu aufgeflammten #MeToo-Debatte fällt ernüchternd aus: „Sexuelle Übergriffe gibt es überall, sie sind nicht ausgerottet. Es gibt keine Organisation auf der Welt und keinen Bereich des Lebens ohne sexuelle Übergriffe gegen Frauen.“

Die #MeToo-Debatte habe nach Ansicht Baurs dazu geführt, dass die betroffenen Frauen (in manchen Fällen sind es auch Männer) darin bestärkt wurden, „sich zu wehren und Übergriffe zu melden“.

Baur ist studierte Juristin. Mit ihrer Ombudstätigkeit in Erl kehrte sie zu ihren beruflichen Wurzeln zurück: Vor der Politik baute sie die Tiroler Außenstelle der Gleichbehandlungsanwaltschaft auf. An diese Einrichtung in Innsbruck kann man sich bei jeder Form von erlittener Diskriminierung wenden, dazu zählen auch sexuelle Übergriffe.

Nächste Instanz beim Vorgehen gegen sexuelle Belästigung ist die Gleichbehandlungskommission im Bundeskanzleramt in Wien. Dort findet ein Verfahren samt Zeugenbefragung statt. Das Gutachten dieser Kommission dient als Beweis vor Gericht.

Beim mit Abstand größten Kulturbetrieb Tirols, dem Landestheater mit mehreren hundert Beschäftigten, setzt man beim Kampf gegen Mobbing und Diskriminierung am Arbeitsplatz auf verstärkte Bewusstseinsbildung „ab kommendem Herbst“. Eine Ombudsstelle à la Erl sei aber weder aktuell vorhanden noch pro futuro geplant, heißt es aus dem Haus am Rennweg.

Derzeit kann die Belegschaft des Theaters den Betriebsrat sowie je eine ärztliche oder psychologische Fachkraft mit Beschwerden befassen. Künftig werde mittels neuer Broschüre verstärkt über beratende Angebote informiert. Betroffene können sich dann „an interne bzw. externe Vertrauenspersonen wenden“. Das sei schon länger geplant und keine Folge der aktuellen #MeToo-Debatte. (mark)

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