Bühne

„Die Teufel von Loudon“: München glüht, lodert und foltert

Da kann nur der Teufel dahinterstecken: Simon Stone verlegt Krzysztof Pendereckis „Die Teufel von Loudon“ ins Heute.
© Wilfried Hösl

Krzysztof Pendereckis „Die Teufel von Loudon“ hatte am Montagabend Premiere an der Bayerischen Staatsoper.

München – Da sage noch einer, die gute alte Tante Oper lasse uns kalt. Sicher ein halbes Dutzend Damen und Herren sind am Premierenabend von der „Teufel von Loudon“ kollabiert, allein die Theaterärztin nebenan war gleich dreimal im Einsatz. Und als gegen Ende der lebenslustige, den Nonnen den Kopf verdrehende Grandier gefoltert wird, setzt beträchtliche Publikumsflucht ein. Verständlich, auch vorher ging es recht blutig und ziemlich hysterisch zur Sache.

Krzysztof Penderecki, der große polnische – katholische – Komponist, schrieb das Werk vor gut 50 Jahren, auf den Spielplänen ist es heute rar, auch weil der Aufwand riesig ist. Der mit Clustern, aufgepeitschtem Blech, horrorfilmhaft harten Effekten beanspruchte Orchesterapparat benötigt genaueste Koordination, auch um die immer wieder auftönenden kirchentonalen Passagen als Kontrast glänzen zu lassen. Vladimir Jurowski dirigiert das Bayerische Staatsorchester mit großen Gesten, spürbar ein Herzstück ist das für ihn. Großartig die diversen Ensembles, von Hysteriechorälen der Nonnen über nach Blut lechzendes Volk bis zu eng verflochtenen Gesangslinien – etwa zwischen Grandier und Jeanne, das Haupt-Anti-Paar des Stücks. Er soll im Kloster die Beichte(n) abnehmen, sie begehrt ihn vorwiegend erotisch und steigert sich in einen Wahn, mit dem sie ihre Mitschwestern ansteckt. Da kann nur der Teufel dahinterstecken, leider arg banal orgelt sich da eine Lautsprecherstimme durch den Saal. Am Ende muss Grandier dran glauben. Die historische Folie, eine wahre Begebenheit aus den 1630ern, hatte einst Aldous Huxley aufgeschrieben, ein daraus entstandenes Stück nahm Penderecki zur Grundlage.

Aušrine Stundyte interpretiert die liebeswahnsinnige Jeanne mit gleißendem Sopran, alle zentralen Partien sind exzellent besetzt, etwa Wolfgang Ablinger-Sperrhackes schmieriger Baron de Laubardemont oder Martin Winkler als Vater Barré. Der Clou des Abends ist jedoch ein Unglück: Wolfgang Koch als Grandier fiel krankheitsbedingt aus. Aus dem Graben sang – fantastisch! – Jordan Shanahan, auf der Bühne agierte – brillant! – Robert Dölle. Was als Notlösung die Premiere retten sollte, erwies sich als Coup.

Musikalisch also gibt es zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele eine komplexe Rarität, die restlos überzeugt. Und szenisch? Simon Stone hat sich von Bob Cousins einen Kubus bauen lassen, der etliche Spielorte – Klosterzelle, Verhörstation, Kirchengang, Andachtsraum – bietet. Und weil Stone ja gern alles ins Hier und Heute verlegt, sieht man Polizei in Uniformen, wie sie einem derzeit überall ob des G7-Gipfels begegnen. Und die Nonnen tragen kurz auch mal feministische T-Shirts. Nur: Wo befindet sich bitte solch ein Kloster in München? Und was soll das für eine Institution sein, die – bei aller berechtigten Kritik, vor allem im Bereich Missbrauch – einen von zölibatär lebenden Damen umschwärmten Freigeist brutalst foltert? Nicht zum ersten Mal verschenkt Stone durch einen krampfhaften Aktualisierungsversuch viel. (jff)

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