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Barrierefreiheit: „Kriterium für Qualität, keine lästige Forderung“

Der frühere Zivilinvalidenverband blickt auf eine 60-jährige Geschichte zurück, anlässlich seines Jubiläums aber vor allem voraus. Denn viele Ziele sind noch nicht verwirklicht.

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Die Umsetzung der Behindertenkonvention statt halbherziger Lösungen fordern Hannes Lichtner (l.) und Michael Knaus (ÖZIV).
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Von Michaela S. Paulmichl

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Innsbruck – Vom Österreichischen Zivilinvalidenverband zur österreichweiten zukunftsorientierten Interessenvertretung für Menschen mit Behinderungen: 60 Jahre nach der Gründung ist vom Namen des Vereins mit über 2100 Mitgliedern die Abkürzung ÖZIV geblieben, Herausforderungen und Aufgaben einer der ersten Selbstvertretungs-Organisationen haben sich gewandelt. Anfang der 1960er-Jahre ging es noch um die Notwendigkeit, neben dem damals wesentlich bedeutenderen Kriegsinvalidenverband eine Einrichtung für Menschen zu etablieren, die von Geburt an, durch Krankheit oder einen Unfall behindert waren. Ihre Versorgung war nicht gesichert, und es sollte bis in die 1980er-Jahre dauern, bis es mehr Ansprüche auf Therapieleistungen gab.

In den vergangenen Jahrzehnten sei vieles umgesetzt worden, „aber wir sind nicht dort, wo wir nach 60 Jahren sein sollten, auch wenn Positives bezüglich der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen vorangetrieben werden konnte“, sagt Geschäftsführer Hannes Lichtner. Was die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention betrifft, gibt es noch viel zu tun. „Da sollten wir schon viel weiter sein.“

Viele sind nicht sozialversichert und ihr ganzes Leben von der Fürsorge ihrer Eltern abhängig.
Hannes Lichtner (Geschäftsführer ÖZIV)

Zu den Meilensteinen in der Entwicklung des ÖZIV gehören etwa die Mitbegründung der Integrativen Betriebe Tirol, die Gründung des Kriegsopfer- und Behindertenfonds und das Projekt ÖZIV-Support, ein Coaching- und Beratungsangebot für mehr Chancen am Arbeitsmarkt. Auch was die Barrierefreiheit betrifft, gibt es einige Erfolge, aber auch immer noch Aufholbedarf. So ergab eine ÖZIV-Einkaufsstraßenstudie in über 570 Geschäften und Lokalen in Innsbruck, dass nur 58 Prozent der Betriebe schwellenlos zugänglich sind. „Die Entwicklung stagniert“, so Lichtner.

ÖZIV-Obmann Michael Knaus wünscht sich eine umfassende Barrierefreiheit für alle Formen der Behinderung. Als Beispiel nennt er ein altes Gemeindehaus im Stubaital: Vor dem Umbau mussten Rollstuhlfahrer draußen warten, bis Mitarbeiter mit Schriftstücken, die unterschrieben werden mussten, zu ihnen hinunter auf die Straße kamen. „Auf Fälle wie diesen wollen wir aufmerksam machen.“ Dass es dann immer heiße, solche Umbauten kosten zu viel, tue ihm persönlich weh. Immerhin haben 15 Prozent der Menschen eine Form der Behinderung.

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Es braucht eine umfassende Barrierefreiheit für alle Formen der Behinderung.
Michael Knaus (Obmann ÖZIV)

Barrierefreiheit sollte schon bei der Planung von Bauprojekten dazugehören, schließlich könne jeder – spätestens im Alter – davon profitieren. „Beim Architekturstudium gibt es nur ein zweistündiges Freifach ,barrierefreies Bauen‘, es sollte fixer Bestandteil der Ausbildung sein.“ Eine Studienplan-Änderung sei nötig. Barrierefreiheit sollte ein Qualitätskriterium sein, keine lästige Forderung. Von Seiten des ÖZIV wird auch kritisiert, dass laut § 2 Abs. 5 der Tiroler Bauordnung eine Wohnanlage erst ab sieben Wohneinheiten als solche definiert wird, nicht wie früher ab drei. Lichtner: „Das hat Auswirkungen in den Bauvorschriften, die wiederum festlegen, welche Gebäude in Tirol barrierefrei gemäß den Normen der OIB 4 gestaltet werden müssen.“

Seit Jahren fordern Behindertenvertreter außerdem Lohn statt Taschengeld für Menschen mit Behinderungen, die in Tagesstrukturen wie Werkstätten arbeiten. Lichtner: „Viele sind dadurch nicht sozialversichert und ihr ganzes Leben von der Fürsorge ihrer Eltern abhängig.“ Diese müssen sich bis ins hohe Alter um ihre erwachsenen Kinder kümmern. Schaffen sie es nicht mehr, bleibt nur die Unterbringung in einer Wohneinrichtung, für die Eltern auch noch einen hohen Anteil ihrer oft kleinen Pension leisten müssen. Es brauche weitere innovative Projekte für inklusives Wohnen. Mehr ausreichende persönliche Assistenz und wirkliche schulische Inklusion sind weitere Forderungen: „Als Interessenvertretung werden wir weiterhin für diese Themen kämpfen und auch die vielfältigen persönlichen Unterstützungs- und Beratungsangebote weiter ausbauen.“ Näheres: www.oeziv-tirol.at


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