Tirol

Im Strudel in den Abgrund: Schumann Quartett brillierte im Erler Festspielhaus

Die Dienstkleidung war nicht ganz perfekt, dafür entfesselte das Schumann Quartett ein Feuerwerk an Musikalität und Leidenschaft.
© Otter

Von Wolfgang Otter

Erl – Trauer, Verzweiflung, Wut, Depression – Gefühle, die gerade im Hier und Jetzt durch Corona und Krieg so gut vertraut sind –, Felix Mendelssohn Bartholdy hatte alle diese Gefühle, als er sein Streichquartett f-Moll (op. 80) komponierte. Seine geliebte Schwester war gestorben, in diese unglaubliche Leere, die ihn nach seinen überlieferten Worten erfasste, komponierte er seine wuchtigste und dramatischste Musik mit diesem Streichquartett. Er verließ dazu alle (damaligen) Konventionen. Knapp zwei Monate später war auch er tot. Endzeitmusik also, die da bei den Erler Festspielen am Dienstagabend erklang. Das Werk stand auch tatsächlich am Ende eines fulminanten Auftritts des Schumann Quartetts. Aber manchmal muss man mit dem Ende beginnen, um das Beste zu beschreiben.

Dabei wäre dieses Ende fast nicht möglich gewesen. Das Flugzeug mit den vier Herren – die Schumann-Brüder Erik (Violine), Ken (Violine) und Mark (Cello) sowie Veit Hertenstein (Viola) – hatte ordentlich Verspätung, der Koffer mit Anzug und Noten ging noch dazu verloren. Daher kamen die Musiker nach einer organisatorischen Meisterleistung der Veranstalter zugleich mit dem Publikum am Festspielhaus an, das sich daher ein halbes Stündchen gedulden musste, bis das Quartett mit provisorischer Dienstkleidung und rasch organisierten Noten am Podium saß.

Aber wen schert fehlender Anzug und Verspätung, wenn einem dann dafür ein derartiges Feuerwerk an Musikalität, geballter Leidenschaft und Musizierlust entgegenschlägt – und das nach den Aufregungen und der Mühlsal dieser stressigen Anreise. Das bewies Erfahrung und Konzentrationsfähigkeit der vier noch jungen Männer.

„Chiaroscuro“ nennen sie ihr Programm. „Hell-Dunkel“, dem kontrastreichen Gestaltungsmittel der Grafik und Malerei des Barocks und der Spätrenaissance nachempfunden. Tatsächlich stellte das Schumann Quartett auf dem Weg zum grandiosen Finale helle und dunkle Musik gegenüber. Eingebettet in fünf von Wolfgang Amadeus Mozart bearbeiteten Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach, erklangen eine Fuge von Mendelssohn Bartholdy, ein harmonisch dichtes Streichquartett von Philip Glass, eine aufwühlende Aria und leichte Polka von Dmitri Schostakowitsch und die bis fast ins Unmögliche verdichteten Bagatellen von Anton Webern.

Nach der Pause entfesselte dann das Quartett Mendelssohn Bartholdy, einem in den Abgrund führenden Strudel gleich, nur kurz von hellen Momenten durchbrochen. Sensationell gespielt! Zum Abkühlen gab es „Lullaby“ von George Gershwin drauf. Das Helle sollte zum Schluss also doch siegen.