COP27

Klimaforscher hält 1,5-Grad-Ziel für nicht mehr erreichbar, Debatten in Berlin

Im Auswärtigen Amt in Berlin treffen sich Vertreter von mehr als 40 Ländern, um die Weltklimakonferenz im November in Ägypten vorzubereiten.
© IMAGO/Florian Gaertner

Ende des Jahres findet die nächste Weltklimakonferenz statt. Seit Montag sind Vertreter von mehr als 40 Ländern in Berlin zusammengekommen, um diese vorzubereiten. Klimaforscher Mojib Latif warnt, das 1,5-Grad-Ziel sei wegen fehlender Maßnahmen bereits nicht mehr erreichbar.

Berlin – Das Ziel, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, ist nach Überzeugung des Klimaforschers und Meteorologen Mojib Latif nicht mehr zu erreichen. Vermutlich würden nicht einmal zwei Grad geschafft, sagte der Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, den Zeitungen der Mediengruppe Bayern (Montagsausgaben). "Nimmt man das, was die Politik weltweit derzeit macht, sind wir eher auf dem Kurs drei Grad."

"Wir nähern uns dem Punkt, an dem man sich eingestehen muss: Die Zeit ist abgelaufen", fügte der Wissenschafter hinzu. Aktuell sei die Welt schon bei gut einem Grad Erwärmung angekommen. "Drei Grad wären eine Katastrophe." Auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow wurde Ende 2021 von vielen Teilnehmerstaaten noch das Bekenntnis zum 1,5-Grad-Ziel im Abschlusstest bejubelt. Latif warf der Politik nun jedoch Tatenlosigkeit vor. Es gebe scheinbar immer Wichtigeres als den Umweltschutz, beklagt der Klimaforscher. "Weltweit betrachtet haben wir in den letzten Jahrzehnten das Klimaproblem praktisch ignoriert", sagte er. Die internationale Politik habe auf der ganzen Linie versagt, trotz Paris und anderer Konferenzen. "Wir nähern uns dem Punkt, an dem man sich eingestehen muss: Die Zeit ist abgelaufen."

Vertreter von mehr als 40 Ländern sind am Montag in Berlin zusammengekommen, um im Rahmen des Petersberger Klimadialogs die nächste Weltklimakonferenz COP27 Ende des Jahres vorzubereiten. Ko-Gastgeber des Treffens im Auswärtigen Amt sind Deutschland und Ägypten.

Ägyptischer Minister: Weltpolitische Lage nicht als Ausrede benützen

Angesichts weltweiter geopolitischer Spannungen rief der ägyptische Außenminister Samih Schukri die Mitgliedsstaaten der Weltklimakonferenz zum Einhalten der vereinbarten Klimaziele auf. "Die gegenwärtige Situation in der Welt darf nicht als Ausrede verwendet werden, um frühere Zusagen nicht mehr einzuhalten, vor allem was die Unterstützung der Entwicklungsländer anbetrifft", sagte Schukri am Montag in Berlin beim Auftakt des Petersberger Klimadialogs.

Das entscheidende Jahrzehnt zum Handeln habe begonnen, hieß es laut offizieller Übersetzung. Beim UN-Klimagipfel in Glasgow hatten sich die Staaten im vergangenen November dazu bekannt, die Erderhitzung auf 1,5 Grad begrenzen und dazu ihre nationalen Klimaziele bis spätestens zum Jahresende nachschärfen zu wollen.

Deutschland und Ägypten richten Konferenz aus

Der amtierende Präsident der Weltklimakonferenz sprach von noch nie da gewesenen geopolitischen Spannungen, die Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit und die Zuverlässigkeit der internationalen Lieferketten hätten. In den derzeitigen unsicheren Zeiten sei es wichtig, "rasch zu handeln und sicherzustellen, dass der Klimaschutz weiterhin ganz, ganz oben auf der internationalen Tagesordnung bleibt". Wenn die Staaten der Welt jetzt nicht ihre Klimaziele erhöhten, werde das 1,5-Grad-Ziel nicht erreichbar sein, so Schukri.

Beim Petersberger Klimadialog wollen sich Minister und Vertreter aus etwa 40 Staaten über den weiteren Kurs im Kampf gegen den Klimawandel abstimmen. Während des zweitägigen Treffens wollen auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi sprechen. Deutschland und Ägypten sind Ausrichter der Konferenz, die auch Weichen für die Weltklimakonferenz COP27 Anfang November im ägyptischen Küstenort Scharm el Scheich stellen soll.

Gewessler: Folgen der Klimakrise gerade besonders sichtbar

"Wir treffen uns hier in Berlin zu einer Jahreszeit, in der die Folgen des Klimawandels besonders sichtbar sind, auch in Europa. Länder wie Italien, Portugal oder Polen erleben eine extreme Dürre. Die Ernte verdorrt, Wälder brennen, Wasser wird knapp. In vielen Regionen ist der Boden metertief ausgetrocknet", sagte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne), die Österreich in Berlin vertritt, in einem Statement. Und es sei eben nicht der erste viel zu heiße Sommer.

Die Ministerin nannte drei Themen beim Kampf gegen die Klimakrise, die es in Berlin zu besprechen gelte. Neben der Reduzierung der Emissionen zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels unterstrich Gewessler auch die Rolle der Industriestaaten bei der Klimawandelanpassung. Diese sei eine "Überlebensfrage geworden", wenn etwa Inseln drohen, im Meer zu versinken. Mit Tina Stege, Klimabotschafterin der Marshall Islands ist hier ein bilaterales Treffen geplant. Zudem höre man den Ruf der vulnerabelsten Länder dieser Welt: "Sie brauchen unsere Hilfe bei der Vermeidung, Minimierung und Behebung von Schäden durch den Klimawandel. Hier gilt es, weiterhin zusammenzuarbeiten und zu unterstützen."

Scholz: Nicht zurück zu fossiler Energie

Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz warnte in Berlin davor, dass die Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine nicht zu einer Rückkehr der Kohleenergie führen dürfe. "Was uns nicht passieren darf, das ist, jetzt in eine globale Renaissance der fossilen Energie und insbesondere der Kohle hineinzuschlittern", sagte Scholz am Montag auf dem Petersberger Klimadialog in Berlin. "Niemand kann zufrieden damit sein, dass auch bei uns der Anteil der Kohleverstromung gerade wieder steigt, als Reaktion auf drohende Engpässe bei der Gasversorgung." Dabei handle es sich aber nur um eine befristete Notmaßnahme. "Wir müssen raus aus Kohle, Öl und Gas – fast hätte ich gesagt: und zwar mit Vollgas", fügte Scholz hinzu. (APA, AFP)

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