Vorarlberg

Eingewickelt in Retro-Ästhetik: „Madame Butterfly“ eröffnete Bregenzer Festspiele

Die Premiere der heurigen Seebühnenproduktion „Madame Butterfly“ musste am Mittwochabend nach gut einer Stunde wegen einer Gewitterwarnung ins Festspielhaus übersiedeln.
© Anja Köhler

Schwüles Gedünst, Stürme im Wasserglas und ein Umzug ins Festspielhaus: Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ eröffnete am Mittwochabend die Bregenzer Festspiele.

Von Jörn Florian Fuchs

Bregenz – Dampfig geht es zu vor der „Madame Butterfly“-Premiere. Schwüles Gedünst schleppt sich durch Bregenz. Plötzlich flammt ein Blitz auf, es regnet kurz, doch bald entsteht erneut eine (be-)drückende Hitzewand. Die einschlägigen Wetter-Apps (inklusive einer alteingesessenen Wetterfröschin im Hotel) prognostizieren indes Ruhe nach dem Sturm ab 20 Uhr – und das allsommerliche Spektakel auf dem Bodensee beginnt ja erst eineinviertel Stunden später.

📽️​ Video | „Madame Butterfly" bei den Bregenzer Festspielen

Zweieinviertel Stunden später gibt es auf der von Michael Levine als riesige Tuschezeichnung gestalteten Bühne große Gefühle und eine sonore Durchsage, die die spielenden Protagonisten erstmal gar nicht mitbekommen: Man müsse sofort abbrechen, es nahe eine Regenfront nebst Gewitter. Das sieht man kurz darauf wirklich und man spürt ein Donnern sogar noch im Festspielhaus, wo diejenigen Platz nehmen dürfen, die ein Ticket für beide Spielorte besitzen. Die anderen eilen nach Hause und bekommen immerhin ihr Geld zurück, weil man vor der kritischen Grenze, ab der es keine Entschädigung mehr gibt, abbrach. Beim Schlussapplaus zeigt sich das Regieteam um Andreas Homoki nicht, kann man so machen, ist aber auch ein wenig eitel, denn wie beim Salzburger „Jedermann“ ist mit wetterbedingtem Ortswechsel immer zu rechnen ...

Im Haus wird auf einem kleinen Bühnenrund gespielt, dahinter sind Enrique Mazzola und die Wiener Symphoniker positioniert, dahinter wiederum sieht man eine Projektion des Seebühnenbilds. Ganz nah kommen einem nun die Darsteller und man erkennt, dass Homoki wirklich aus dem Geist asiatischen Theaters inszeniert, was sich auf der großen Freiluftspielstätte nicht recht vermittelte.

Da gab es farblich passende Kostüme zu den jeweiligen Lichtstimmungen, aber wenig Bewegung und – eben bis zur unfreiwilligen Pause – kaum einen Bezug zum Bodensee. Später, so hört man aus verlässlicher Dramaturgenquelle, wäre mehr los gewesen, am Ende verbrenne sogar das ganze Bühnenbild!

Nun denn, dies hätte durchaus einen schönen Kontrast zur vorhergehenden Statik ergeben können. Hätte, wäre, könnte – wir wissen es nicht und müssen beim Konjunktiv bleiben. Ganz konkret lässt sich jedoch über Mazzola am Pult der Symphoniker sagen, dass er einen eher schlanken, erfreulich unpompösen und durchsichtigen Puccini dirigiert. Die alten schlechten Zeiten mit krawalligen Dirigenten wie Paolo Carignani sind in Bregenz hoffentlich endgültig vorbei!

Eine wirklich spektakuläre vokale Leistung bietet Barno Ismatullaeva als Butterfly, mit mühelos fließenden Linien, wuchtigen, aber nie überzogenen Bögen, warmem Melos, klarer Diktion. Annalisa Stroppa erfreut als ihre Zofe Suzuki, bei den Herren überzeugt am ehesten Brian Mulligans Konsul Sharpless, während Edgaras Montvidas als Pinkerton durch wenig Agilität und blasse Farben enttäuscht. Wem man in den Folgeaufführungen begegnet, ist ungewiss, da zentrale Partien in Bregenz ja immer dreifach besetzt sind.

Andreas Homokis Inszenierung hingegen wird so bleiben und da muss dann doch noch ein letzter Einwand folgen. Homoki verhält sich zur Fabel des Stücks – Japanerin verliebt sich in Amerikaner, der sie sitzen lässt – kaum. Mit Klischees wie einer riesigen US-Flagge, in welche sich die Geisha auch mal einwickelt, inszeniert Homoki die Geschichte recht brav und ein wenig bieder, fügt als eigene Idee ein paar Geister (Ahnen) hinzu, zeigt aber ein Asien(-bild), in dem vor allem künstlich kunstvoll getrippelt wird und die Verbeugung zentral ist. Reicht das wirklich für eine Aufführung im Jahre 2022? Vor Kurzem ist Homoki ein stupendes, bissiges, dazu witziges „Rheingold“ in Zürich gelungen, seine „Butterfly“ erschöpft sich (so weit man nun sehen konnte) in einer eher seltsamen Retro-Ästhetik.

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