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„Bianca e Falliero“ in Erl: Am Ende bleibt ihr nur die Flucht

Rossinis kaum gespieltes Melodram „Bianca e Falliero“ kam bei den Tiroler Festspielen Erl zur österreichischen Erstaufführung.

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Bianca (Heather Phillips) hat sich emanzipiert und kehrt einer stets gewaltbereiten Männerwelt den Rücken.
© Bender/Tiroler Festspiele Erl

Von Markus Hauser

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Erl – Im Jahre 1819 an der Mailänder Scala uraufgeführt, sollte nach 39 Vorstellungen für Gioachino Rossinis Melodram „Bianca e Falliero“ für lange Zeit Schluss sein. Im März dieses Jahres wurde das Werk sozusagen wiederentdeckt und feierte seine Frankfurter Erstaufführung. Eine Gemeinschaftsproduktion mit der Oper Frankfurt wiederum brachte am Mittwochabend die Oper als österreichische Erstaufführung auf die Bühne der Tiroler Festspiele Erl.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Rossinis Librettist Felice Romani bearbeitete die Tragödie „Les Vénetiens ou Blanche et Montacassin“ des französischen Dramatikers Antoine Vincent Arnault (1766–1834). Das Ergebnis ist eine tragische Liebesgeschichte, die allerdings nicht mit dem Tod des Helden endet, sondern mit einer Hochzeit. Bianca, die Tochter des venezianischen Senators Contareno, liebt General Falliero, der die Spanier besiegte. Dafür wird er entsprechend gefeiert. Er liebt Bianca ebenso, einer Hochzeit stünde eigentlich nichts im Wege. Wäre da nicht Senator Capellio, mit dem Biancas Vater im Erbstreit liegt. Um diesen Zwist beizulegen, soll Bianca Capellio heiraten.

Zusätzlich die Dramatik befeuernde Umstände: Venedig hat sich abgeschottet, auf den Versuch, die Stadt zu verlassen, steht die Todesstrafe. Als Bianca mit Falliero fliehen will, wird dieser gefasst. Die Todesstrafe scheint gewiss. Doch ausgerechnet Capellio verweigert seine Unterschrift zur Ausfertigung des Todesurteils. Wenig Freude mit einem Hollywood’schen Happy End hat Regisseur Tilmann Köhler und entscheidet sich für eine andere Lösung, die einer Emanzipationsgeschichte: Bianca, enttäuscht von der toxischen Männerwelt, geht ihren eigenen Weg.

Wie in William Shakespeares „Romeo und Julia“ steht eine gesellschaftliche Situation der Liebe entgegen. Die Liebe hebt sich auch hier in ihrer selbstverständlichen Absolutheit und unschuldigen Sinnlichkeit ab von einer kalkulierten Machtpolitik, der entgegenzutreten aussichtslos scheint. Dass Bianca das Weite sucht, scheint mehr als konsequent. Unverblümt zeigt Köhler auch die von der Politik gepflegten Tugenden des billigen Populismus und strategischen Opportunismus auf.

Jede Menge musikdramatisches Potenzial, das Gioachino Rossini voll ausschöpft und den vier Solisten überdurchschnittliche Anforderungen, die in allen Stimmlagen spektakuläre Tiefen und halsbrecherische Höhen ausloten, beschert. Diese Produktion strotzt geradezu vor musikdramatischer Kraft.

Mit der amerikanischen Mezzosopranistin Heather Phillips erlebt man eine Bianca tiefster Leidenschaft, die den Wandel vom süßen, über den Kopf verliebten Mädchen hin zur durch Leiden innerlich stark gewordenen, emanzipierten Frau eindrucksvoll vollzieht. Maria Ostroukhovas Mezzo, in der Hosenrolle des Fallierio, glänzt nicht weniger. Mühelos kommen die Koloraturen, nicht als Stimmbandakrobatik, sondern als Ausdrucksfacetten. Wie Tenor Theo Lebow in der Rolle des Contareno ist sie den absurden Herausforderungen souverän gewachsen. Giovanni Battista Parodi als ritterlicher Capellio weiß seinen Bass mit klangfarblicher Vielfalt zu einem funkelnden Porträt in Tönen zu nutzen. Ein formidables Quartett, das nicht nur über die erforderliche stimmliche Flexibilität verfügt, es ist ihm auch die Lust am vokalen Agieren anzumerken.

In die maßgeschneiderte Besetzung fügen sich ein bestens einstudierter Chor sowie Božidar Smiljanić und Carlos Cárdenas in den weiteren Rollen ein. Die Bühne von Karoly Risz, zwei in sich verschränkbare halbkreisförmige Mauern, Schneckenhaus, Gefängnis und Labyrinth, suggerieren Beklemmung und Angst und zwingen geradezu zur Flucht. Bibi Abels gut durchdachte Videos, Metaphern emotionaler Befindlichkeiten, geben dem Ganzen einen psychoanalytischen Touch. Die idealen Kostüme von Karoly Risz holen das zeitlose Geschehen ins Hier und Jetzt. Simone Di Felice führt das Orchester und den Chor der Tiroler Festspiele Erl detailversessen und rhythmisch federnd durch die Partitur mit echtem Gespür für den Rossinistil. Ein großer Abend, frenetisch bejubelt!

🎭 Bianca e Falliero. Weitere Vorstellungen: 24. und 28. Juli. www.tiroler-festspiele.at


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