Coronavirus

Rissen in der Gesellschaft auf der Spur: Panel-Studie droht das Aus

Die Wissenschafter vom Corona Panel Project messen seit Beginn von Corona die Stimmung in der Bevölkerung. Jetzt droht das Aus.

Von Wolfgang Sablatnig

Wien – „Wir sehen auf jeden Fall einen Zusammenhang zwischen der skeptischen Einstellung zu den Maßnahmen in der Corona-Pandemie und der Haltung zum Ukraine-Krieg“, sagt der Wiener Kommunikationswissenschafter Moritz-Jakob Eberl. Menschen, die daran glauben, dass Microsoft-Gründer Bill Gates mit der Impfung gegen das Virus finstere Absichten verbinde, sehen die Verantwortung für den Krieg in der Ukraine auch eher bei der Ukraine selbst oder beim westlichen Militärbündnis NATO. Die Sanktionen gegen den Aggressor Russland finden in diesen Kreisen bedeutend weniger Zuspruch.

Eberl ist Teil des Austrian Corona Panel Projects (ACPP). Gleich zu Beginn der Pandemie starteten Wissenschafterinnen und Wissenschafter dieses Langzeitvorhaben. Die Idee dahinter: Eine Gruppe von Menschen wird in regelmäßigen Abständen befragt, um den Wandel in Stimmung und Einstellungen gut darstellen zu können.

In der Zwischenzeit hält man bei 32 Umfragewellen mit je 1500 Befragten. 250 Interviewpartner nahmen an allen Studien teil, berichtet die Politologin Sylvia Kritzinger aus dem Leitungsteam des ACPP. Andere fielen aus und kamen wieder. Wichtig sei, dass die Daten im Sinne von „Open Science“ immer auch anderen Wissenschaftern zur Verfügung stehen.

Politikwissenschafterin Sylvia Kritzinger: „Krise ist nie unproblematisch. Der Abfall des Vertrauens in die Institutionen ist aber dramatisch.“
© privat/Krpelan

Die auffälligsten Entwicklungen sind für Kritzinger der „dramatische Abfall“ des Vertrauens in die Politik und die Polarisierung in der österreichischen Gesellschaft: „Die österreichische Bundesregierung ist mit viel Vorschusslorbeeren in die Corona-Krise gestartet. Dieser Vertrauensvorschuss ist verspielt worden.“

Die Politologin nennt ein Beispiel: Am Beginn der Krise hätten 80 Prozent der Menschen die Maßnahmen gegen Virus und Pandemie unterstützt. Nun sagen nur mehr 35 bis 40 Prozent, dass sie die Einschränkungen und Vorschriften für angemessen halten.

Die Experten sprechen vom „Rally around the flag“-Effekt, wenn sich die Menschen in der Krise um ihre Fahne (und ihre Regierung) scharen. In Frankreich etwa sei dieser Trend auch zu Beginn der Krise nicht zu beobachten gewesen. Danach blieben die Vertrauenswerte anhaltend schlecht – in Österreich haben sie sich erst zu einem niedrigen Niveau hinbewegt.

Gut zeigen können die Sozialwissenschafter auch, wie vielfältig die Einstellungen zur Corona-Impfung sind – und wie viele auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtete Maßnahmen es gebraucht hätte, die Impfung zu bewerben. Immer wieder befassten sich die Umfragen aber auch mit anderen Themen, um Zusammenhänge mit der Pandemie darstellen zu können. Alles wichtige Daten für die Politik, betont Kritzinger.

Die 33. Umfragewelle ist im Oktober geplant. Und dann? „Unsere Zukunft schaut so aus, dass es ein großes Fragezeichen gibt“, sagt Kritzinger. Bisher habe man sich über Gelder des Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziert, auch Arbeiterkammer und Industriellenvereinigung hätten beigetragen.

Jetzt sollte die Panel-Studie aber auf eine langfristige Basis kommen. Dazu gehört für die Politologin auch die personelle Ausstattung, abseits der Selbstausbeutung neben dem meist universitären Brotberuf. Zusagen von Geldgebern und damit eine Perspektive gebe es aber nicht.

Wie groß wäre der Bedarf? 700.000 bis eine Millionen Euro pro Jahr, meint die Wissenschafterin. Darin enthalten seien fünf Jobs für Wissenschafter und eine Ausweitung des Panels auf 4000 Befragte. Dann wären auch regionale- und Detailauswertungen möglich.

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