Frauen-EURO

Englands Reise endete in Wembley am Thron: „Es ist unglaublich!"

Grenzeloser jubel bei den englischen Europameisterinnen.
© IMAGO/Jonathan Brady

Der Triumph der Engländerinnen bewirkt laut Coach Sarina Wiegman eine „Veränderung in der Gesellschaft". Historisch war der Triumph nicht nur auf Frauen-Ebene, war es doch der erste große Titel für England im Fußball seit dem Männer-WM-Erfolg 1966.

London - Die lange Wartezeit hat ein Ende, bei der 13. Auflage hat Englands Frauen-Fußball-Nationalteam endlich den EM-Pokal stemmen dürfen. Neutral gesehen hat das beste Team des Turniers auch die Oberhand behalten, auch wenn der 2:1-Final-Triumph nach Verlängerung gegen Rekordchampion Deutschland am Sonntag im Londoner Wembley Stadium glücklich war. Der Jubel kannte danach keine Grenzen, die Glückwünsche trudelten auch von höchster politischer Ebene ein.

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Österreichs Teamchefin Irene Fuhrmann hatte schon im EM-Vorfeld betont, dass England mit der Installierung von Wiegman als neuer Trainerin im Jahr 2021 einen klugen Schachzug gemacht habe. Die Performance der "Lionesses" in den letzten Wochen unterstrich das. Die 52-jährige Niederländerin führte nach ihrem Heimatland 2017 fünf Jahre später auch den nächsten EM-Gastgeber zum Titelgewinn. Dieser war von vielen Seiten herbeigesehnt worden, der Druck war dementsprechend groß. Sie hielt dem Stand und ließ sich auch von einer Corona-Infektion nicht aus der Bahn werfen.

"Es ist unglaublich. Die Spielerinnen haben den Sieg unbedingt gewollt und jeden Tag daran gearbeitet, sich zu verbessern. Es war ein sehr enges Match, aber wir haben es gewonnen. Ich bin stolz, wie wir das Turnier beendet haben", sagte Wiegman. Ella Toone (62.) brachte die Gastgeberinnen voran, Chloe Kelly avancierte in der 110. Minute zur Matchwinnerin und ließ ihren Emotionen freien Lauf, indem sie sich das Trikot vom Leibe riss.

"Oh mein Gott, es ist unfassbar. Das sind die Sachen, aus denen Träume gemacht sind", betonte Kelly. Die 24-Jährige war erst im April nach einem Kreuzbandriss zurückgekehrt. "Ich habe immer daran geglaubt, dass ich hier dabei sein kann, aber dann auch noch den Siegtreffer zu erzielen - einfach nur wow."

Ihr Team bezeichnete sie als "ganz spezielle" Truppe. Für die war nur Feiern angesagt, was sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern wird. Historisch war der Triumph nicht nur auf Frauen-Ebene, war es doch der erste große Titel für England im Fußball seit dem Männer-WM-Erfolg 1966. Die Männer waren 2021 im EM-Finale gegen Italien (2:3 i.E.) in London noch knapp am Triumph vorbeigeschrammt.

Auch deshalb stellten sich angefangen von der britischen Königin Elizabeth II. bis hin zu Prinz William, der die Medaillen verteilte, oder Premierminister Boris Johnson höchste politische Vertreter mit Gratulationen ein. Auch von Sportlerseite gab es viele Lobeshymnen. Am Montagnachmittag war ein großer Empfang auf dem Trafalgar Square in London angesetzt. Ein gebührender Rahmen für Kapitänin Leah Williamson und Co.

"Das Vermächtnis dieses Turniers und dieses Teams ist eine Veränderung in der Gesellschaft. Wir haben alle zusammengebracht", freute sich Williamson. Auch Wiegman war sich bewusst, dass der Erfolg eine besondere Auswirkung haben wird. "Dieses Turnier hat so viel gemacht für den Frauenfußball aber auch für die Gesellschaft und Frauen in der Gesellschaft in England, ich denke aber auch in Europa und auf der ganzen Welt", verlautete Englands Teamchefin.

Eines wird sich auch sportlich ändern, die Ansprüche steigen weiter. "Die Erwartungen werden jetzt durch die Decke gehen", wusste Wiegman. Wie auch jetzt, werde es auch bei der WM 2023 in Australien und Neuseeland nicht einfach sein, den Titel zu holen. Ihre Spielerinnen haben Lunte gerochen. "Jetzt müssen wir schauen, die WM zu gewinnen", sagte Abwehrspielerin Lucy Bronze. Vorerst gilt es, die Qualifikation im September erfolgreich abzuschließen, da wartet am 3. September als erste Pflichtspiel-Hürde nach dem EM-Titel in Wiener Neustadt Österreich.

Die ÖFB-Elf hatte im EM-Eröffnungsspiel nur 0:1 gegen den Europameister verloren. Dieser nahm sich an Kapitänin Viktoria Schnaderbeck und Co. nach Schlusspfiff ein Vorbild. Wie die Österreicherinnen nach den Siegen gegen Nordirland (2:0) und Norwegen (1:0) wurde die Pressekonferenz gecrasht. Torfrau Mary Earps und Bronze sprangen sogar auf den Tisch, während sie "Football's Coming Home" sangen. "Ich glaube, wir haben den Pokal gewonnen", scherzte Wiegman, die das Geschehen amüsiert verfolgte.

Danach wurde sie allerdings auch emotional und erklärte, warum sie während des Spiels ihr Armband geküsst hatte. "Es hat meiner Schwester gehört, die Anfang des Jahres gestorben ist. Ich habe sie heute vermisst, aber ich glaube, sie war im Querbalken", so die Niederländerin mit Blick auf einen Lattenschuss von Deutschlands Lina Magull beim Stand von 1:1.

Stolz kann England auf ein Turnier der Rekorde sein. Einer davon wurde am Sonntag mit der höchsten EM-Zuschauerzahl aller Zeiten (87.912) aufgestellt. Auch deshalb kamen mehr als doppelt so viele Fans zu den Partien als noch 2017. Die Medienberichterstattung war nicht mehr vergleichbar, Beth Mead, die Spielerin des Turniers, und Co. waren zuletzt etwa auf den Titelseiten der Zeitungen omnipräsent.

"Die vergangenen Jahre waren unglaublich. Wir haben wirklich viel investiert, und die Lionesses haben die Chance genutzt und etwas Unglaubliches geschafft. Der EM-Titel wird für den Frauenfußball im Land wie ein Turbo wirken", sagte der Chef des englischen Verbandes, Mark Bullingham. (APA/Reuters/dpa)

Internationale Pressestimmen zum Finale

GROSSBRITANNIEN:

"Daily Mail": "Das wilde EM-Finale hat gezeigt, dass Frauenfußball keine zahmere und sanftere Version des Spiels ist. So viel harte Arbeit und Aufopferung haben sich in zwei glorreichen und knochenharten Stunden ausgezahlt."

"Daily Mirror": "Champions!!! England gewinnt die EM 2022 dank eines späten Kelly-Treffers in der Verlängerung in eindrücklichem Wembley-Finale gegen Deutschland."

"The Sun": "It's come home! Englands Löwinnen brüllen voller Stolz, während sie ihren geschichtsträchtigen Triumph bei der EM 2022 feiern."

"The Telegraph": "Der tiefste Schmerz in Englands Sportseele ist getilgt. Und es ist eine Befreiung, die von Frauen vollbracht wurde - inmitten von Szenen reinsten Freudentaumels. (...) Dies ist ein Sport, der Frauen in England ein halbes Jahrhundert lang offiziell untersagt war. Noch in den 90er-Jahren wurde der Frauenfußball in der Fleet Street als 'ein Spiel, das nur einvernehmlich von Erwachsenen im privaten Rahmen gespielt werden sollte' verhöhnt. (...) Doch heute hat sich Optimismus über Kurzsichtigkeit und Verachtung hinweggesetzt. Es ist eine Lektion (...): Stelle Frauen in den Vordergrund und sieh zu, wie sie in die Höhe schnellen."

"The Guardian": "England zum Champion der EM 2022 gekrönt, nachdem Kelly Deutschland in der Verlängerung versenkt hat."

"The Times": "Die Fans sangen vom 'Fußball, der nach Hause kommt', und England musste eine Mannschaft besiegen, die für ihre Widerstandsfähigkeit bekannt ist und deren Vertreter sich ihnen in der Vergangenheit so oft in den Weg gestellt haben. Aber England hat die unaufhörliche Bewährungsprobe durch Deutschland bewältigt. Sie wurden ihren Erwartungen gerecht. Sie gingen in Führung, verloren sie und bewiesen dann ihren Charakter, indem sie sie zurückgewannen. Das machte ihre Leistung noch bedeutender, weil es Deutschland war."

"The Independent": "Kellys Treffer hat nicht nur den Sieg bei dieser Frauen-EM und den Löwinnen den ersten Turniererfolg ihrer Geschichte beschert. Man kann davon ausgehen, dass er noch viel mehr bewirken wird. (...) Zugegeben, ob Sieg oder Niederlage, Sarina Wiegman und ihre Spieler hatten das womöglich schon erreicht. Aber jetzt haben sie eine Trophäe, an der sie alles aufhängen können."

DEUTSCHLAND:

"Bild": "Neuer Wembley-Betrug. Video-Schiri verweigerte uns klaren Hand-Elfmeter."

"Münchner Abendzeitung": "Deutsches Wembley Drama. Die DFB-Elf verliert das EM-Endspiel in der Londoner Fußball-Kathedrale äußerst unglücklich mit 1:2 nach Verlängerung. Zuvor wird ihnen ein Elfmeter verweigert."

"Hamburger Abendblatt": "Ende der Traumreise ohne Happy End."

FRANKREICH:

"L'Equipe": "England beendet seinen Fluch mit dem Gewinn der Frauen-EM."

"Le Figaro": "Sarina Wiegman wurde nicht umsonst zur besten FIFA-Trainerin des Jahres 2017 und 2020 gewählt. Fünf Jahre nach dem Gewinn der Europameisterschaft am Steuer der Niederlande behielt die Niederländerin ihre Krone, diesmal aber mit England."

"Libération": "Die Engländerinnen beherrschen den Alten Kontinent."

SPANIEN:

"Marca": "Es war ihre Europameisterschaft und sie durften nicht scheitern. England wollte debütieren und tat es im großen Stil, mit einem brechend vollen Wembley und gegen ein Deutschland, das nicht wusste, wie es ist, ein Finale zu verlieren."

"La Vanguardia": "England hat sein Traumziel erreicht. Nicht einmal die besten Drehbuchautoren hätten so eine perfekte Geschichte schreiben können."

SCHWEIZ:

"Blick": "England ist Europameister! Joker Chloe Kelly entscheidet vor der Rekordkulisse von 87.192 Fans in der Verlängerung das Final-Spektakel im Londoner Wembley. Deutschland fühlt sich benachteiligt - wie 1966!"

DÄNEMARK:

"Politiken": "Endlich hat es geklappt: Der Fußball kommt nach Hause. Ein mitreißendes und dramatisches Finale vor den Augen des größten Publikums eines EM-Spiels jemals endete mit einem Sieg für die Heimmannschaft. Ein internationaler Fußballklassiker setzte den wirksamen Schlusspunkt der Frauen-EM - und Deutschland gewann am Ende ausnahmsweise nicht."

NORWEGEN:

"Verdens Gang": "Wembley war voller englischer Siegestränen, aber es waren Alexandra Popps verzweifelte, leere Augen, die den stärksten Eindruck hinterließen. Dies war schließlich ihre EM. Sie war auf dem Weg, die Königin der Meisterschaft zu werden, als der größte Fußballtag ihres Lebens vorbei war, bevor er richtig begonnen hatte. Stattdessen wurde es Englands EM. Der Fußball ist nach Hause gekommen."

SCHWEDEN:

"Aftonbladet": "Fußball ist ein einfacher Sport. 22 Spielerinnen versuchen, in 90 oder 120 Minuten die meisten Bälle ins jeweilige Tor zu schießen. Am Ende gewinnt die Mannschaft, die währenddessen die wenigsten Probleme, die besten Spielerinnen auf der Bank und die beste Trainerin an der Seitenlinie hat. Nach vielem Wenn und Aber ist das England."

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