Bayreuther Festspiele

Die Walküre in Bayreuth: Bitte vorher den Beipackzettel lesen!

Wotan Tomasz Konieczny (mit Brünnhilde Iréne Theorin) verunfallt, wird im Schlussakt ersetzt, kann ab heute aber wieder auftreten.
© Enrico Nawrath

Wagners „Walküre“ samt Bühnenunfall als Teil 2 des neuen Rings in Bayreuth.

Von Jörn Florian Fuchs

Bayreuth – Der unvergessene George Tabori war einmal in einer Pressekonferenz zu erleben, in der er ausführlichst das Konzept einer Schauspielarbeit vorstellte. Am Ende meinte er, vielleicht sei alles auch ganz anders zu verstehen. Was mache das schon für einen Unterschied. In Bayreuth hat sich Regisseur Valentin Schwarz diese Maxime wirklich zu Herzen genommen und nach seinem ziemlich wirr assoziativen „Rheingold“ nun kräftig nachgelegt.

Der Rezensent hat bisher wohl über 30 Ringe gesehen, aber noch nie solch ein konfuses Wirrwarr erlebt. Für Wagnerianer: Sieglinde ist von Anfang an und vermutlich von Göttervater Wotan schwanger. Freia nimmt sich das Leben (weil sie die Inszenierung nicht mehr aushält, obwohl sie in der „Walküre“ eigentlich gar nicht vorkommt?). Die Walküren leiden an den Folgen von Schönheitsoperationen (oder Unfällen?) und sind bandagiert. Im ersten Aufzug bricht unvermittelt ein modernes Schlafzimmer in Hundings Hütte ein, dort sieht man den jungen Siegfried mit Spielzeug-Bär und die junge Sieglinde mit Pferdchen. Oder sind es doch Siegmund und Sieglinde? Siegmund stirbt durch einen Schuss aus einem der zahllos und wahllos herumgereichten Revolver.

Hunding überlebt, Brünnhilde wiederum geht während des Feuerzaubers einfach zur Türe raus, während Wotan und die – ausnahmsweise stückgemäß – für die ganze Malaise verantwortliche Fricka sich ein Gläschen genehmigen.

An diesem „Konzept“ stimmt nun wirklich nichts mehr beziehungsweise Valentin Schwarz mixt Figuren, Situationen, Gedanken intellektuell ungenießbar zusammen. Dazu fehlt der Inszenierung fast jegliche Aura.

In den Pausen rätseln KollegInnen über dieses und jenes, einer sagt: Heureka! Er wisse einiges und zwar ganz, ganz sicher, weil er das Programmheft gelesen und mit dem Regisseur gesprochen habe. Nach Bayreuth pilgern in der Regel Wagnerianer, die das Werk gut kennen, dies darf eine Regie durchaus voraussetzen. Was nicht geht: eine Arbeit abzuliefern, die, wenn überhaupt, nur mit dem Beipackzettel zu verstehen ist.

Auch bühnentechnisch knarzt es diesmal buchstäblich an vielen Ecken und Enden. Mehrfach sieht man Bühnenarbeiter herumhuschen. Teile des Publikums sehen etliches nicht, weil oft ganz am Rand agiert wird.

Und dann der Knall des Abends: Im zweiten Aufzug kracht ein Sessel unter Wotan zusammen. Alle lachen, ein komischer Moment! Doch es stellt sich heraus: Es war ein Unfall. Der leider sehr monochrom singende Tomasz Konieczny hat sich derart verletzt, dass Michael Kupfer-Radecky für den Schlussakt einspringt – und einen sensationellen, ebenso fein wie expressiv timbrierten Wotan gibt. Bravo!

Phänomenal auch Georg Zeppenfeld als Hunding sowie Lise Davidsens Sieglinde, wobei man ihre sehr kräftig-voluminöse Stimme schon mögen muss. Klaus Florian Vogt sucht als Siegmund zu Beginn nach den richtigen Noten, als er sie dann gefunden hat, überzeugt er vollauf. Iréne Theorins Brünnhilde hingegen enerviert mit meist flackerndem Vibrato.

Am Pult des Bayreuther Festspielorchesters verzichtet Cornelius Meister weitgehend auf eitles Posieren à la „Rheingold“ und dirigiert sehr flüssig und sängerfreundlich – etliche schöne und schönste Stellen.

Szenisch scheint dieser Ring eigentlich unrettbar. Aber vielleicht schafft es der Held Siegfried ja, die Wunde Bayreuth zu schließen.

Verwandte Themen