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Countertenor Sabadus: „Nicht zur Karikatur eines Kastraten werden“

Valer Sabadus ist einer von vier Countertenören in der Barockoper „Silla“ heute Abend zum Auftakt der Festwochen der Alten Musik.

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Valer Sabadus, 36, stammt aus Rumänien und lebt seit 1991 in Deutschland. Der Countertenor gastierte schon mehrmals in Innsbruck.
© Victor Malyshev

Ihr erstes Antreten in Innsbruck vor mehr als zehn Jahren verlief wenig verheißungsvoll. Wie erging es Ihnen damals?

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Valer Sabadus: Beim Cesti-Gesangswettbewerb 2010 bin ich in Runde 2 hinausgeflogen. Da dachte ich mir: „Nie wieder Innsbruck!“ Seither gastierte ich fünfmal mit Konzerten hier. „Silla“, zum Auftakt der Festwochen ab heute Abend, ist die erste Oper, bei der ich in Innsbruck mitwirke. Ich fühle mich hier so richtig wohl. Man versteht sich sofort und grüßt den Gott, wie in Niederbayern, wo ich aufwuchs.

In besagter Oper aus 1753 geben Sie die Partie des Metello. Er ist ein echter „nice guy“, der den Tyrannen Silla zur Vernunft bringt.

Sabadus: Metello ist der Mahner, um nicht zu sagen Moralapostel, der auf Silla einredet, dem ist ja die Macht zu Kopf gestiegen. Preußenkönig Friedrich II., von dem das Libretto stammt, sieht wohl Parallelen zu sich selbst. Die Musik von Carl Heinrich Graun ist fantastisch und trägt schon Züge der Vorklassik wie die des jungen Mozart.

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Sie eingerechnet, stehen vier Countertenöre, Männer in den Stimmlagen von Frauen, auf der Bühne. Ein Wettbewerb untereinander?

Sabadus: Es gibt Kollegen, die gut miteinander auskommen, und solche, die sich eher meiden. Wir vier Countertenöre bei „Silla“ arbeiten als Team, wir proben seit Anfang Juli intensiv. Es muss dabei nicht immer Freundschaft entstehen, es geht um Kollegialität. Man ist als Einzelner nur ein Puzzleteil. Man sollte niemals versuchen, die Rampensau herauszulassen.

War es Ihr Berufsziel, Countertenor zu werden?

Sabadus: Es gab da ein Schlüsselerlebnis, als ich mit 17 Countertenor Andreas Scholl hörte. Dessen Gesang imitierte ich dann im Falsett. Meine Mutter, eine Musikerin, erkannte mein Talent. So begann es.

Wie schaffen Sie es technisch, in der Höhe einer Frau zu singen?

Sabadus: Grundsätzlich in der Art, wie wenn ein Mann die Stimme einer Frau nachahmt, das allerdings in einer speziellen Technik in Sachen Stimmbänder und Atmung. Technisch ausgedrückt, wird die Brustresonanz durch eine Kopfstimmentechnik verstärkt. Es braucht Veranlagung, Technik und Training. So erreiche ich die Höhe des Mezzosoprans.

Ist das für die Stimme nicht wahnsinnig strapaziös?

Sabadus: Natürlich muss ich die Stimme schonen, was schwierig ist, wenn, wie jetzt für eine Oper, mehrere Tage am Stück geprobt wird. Die Stimme verändert sich, sie kann sinken, man muss ständig an ihr arbeiten und auch gesund leben. Aber natürlich will man auch einmal „sündigen“ und sich nach einem Auftritt ein Bierchen gönnen. Das geht auch ohne Alkohol.

Könnten Sie vom Countertenor zum Tenor umsatteln, der Ihrer Sprechstimme entspricht?

Sabadus: Eine solche Umstellung wäre grundsätzlich möglich, würde aber viel Zeit benötigen. Stimm- und Muskelapparat sind bei diesen beiden Lagen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Mir würde zum Tenor das Talent fehlen. Es war klar, dass ich als Countertenor mehr erreichen kann. Eher als eine Umschulung ist es so, dass Countertenöre in späteren Jahren als Dirigenten arbeiten. Daran denke ich noch nicht.

Vergleicht man sich als Countertenor mit Sängerinnen, die in derselben Stimmlage singen?

Sabadus: Countertenöre genossen lange Zeit den Bonus des Exotischen, der ist jetzt weg. Man muss sich immer mit weiblichen Mezzosopranistinnen messen. Countertenor-Partien können ja auch mit Frauen besetzt werden – als Hosenrollen.

Countertenöre gelten als Nachfolger der Kastraten, deren hohe Stimmen in barocker Zeit Ergebnis chirurgischer Eingriffe waren.

Sabadus: Da haben sich furchtbare Tragödien abgespielt. Nur wenige Kastraten wurden Opernstars, viele wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wer Glück hatte, kam im Klerus unter. Das Faszinosum dieser Stimme ist deren Spektrum, das Gegensätze vereint: kindliche Unschuld und stimmlich reife Intensität. Das Erbe der Kastraten schwingt bei uns heute noch mit.

Wie gehen Sie mit diesem Erbe um?

Sabadus: Es ist wichtig, für sich ein Alleinstellungsmerkmal zu schaffen und nicht Trittbrettfahrer von jemand anderem zu sein. Ein Countertenor sollte nicht künstlich klingen oder schmerzverzerrt. Man sollte nicht zur Karikatur eines Kastraten werden, so als wäre man gerade kastriert worden.

Das Gespräch führte Markus Schramek


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