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„Job Sharing" und Co.: Land Tirol legt Strategie für Arbeitsmarkt 2030 vor

Bis 2030 soll in Tirol eine Strategie greifen, um den Arbeitsmarkt besser zu gestalten. Dabei wollen sich Landesregierung und Sozialpartner neun Ziele vornehmen.

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Die Arbeitslosenquote in Tirol ist gering. Landesregierung und Sozialpartner sehen dennoch Luft nach oben.
© imago/Peters

Von Max Strozzi

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Innsbruck – In Tirol herrscht Vollbeschäftigung, so gut wie alle Branchen beklagen Personalmangel. Noch nie hatten so viele Menschen einen Job, und schon lange nicht mehr waren so wenige arbeitslos.

Vor einem Jahr war es noch anders: Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit waren pandemiebedingt hoch, die Unsicherheit ebenso. Die damals lancierte Ausarbeitung einer Arbeitsmarktstrategie 2030 für Tirol wurde gestern vom Land und den Sozialpartnern präsentiert. Sie zielt darauf ab, mehr Menschen in Beschäftigung zu bringen, die Aus- und Weiterbildung zu stärken und die Jobchancen zu erhöhen. 21 Maßnahmenfelder werden dabei angeführt: vom Ausbau der Kinderbetreung über die Arbeitsmarktintegration Zugewanderter, die Unterstützung pflegender Angehöriger, die Entwicklung neuer Arbeitsmarktmodelle bis hin zur Information und Beratung auf sämtlichen Ebenen ist so ziemlich alles dabei, was im Zusammenhang mit Arbeitsmarkt denkbar ist.

Präsentierten heute die Strategie „Arbeitsmarkt Tirol 2030" (v.l.): Philip Wohlgemuth (ÖGB), Martin Wetscher (WK), LR Anton Mattle, LRin Beate Palfrader, Erwin Zangerl (AK) und Alfred Lercher (AMS).
© Land Tirol/Die Fotografen

„Der Anteil von Personen im erwerbsfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung wird sinken – das heißt, wir müssen die Erwerbsbeteiligung fördern“, meint Arbeitslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP). Vor einem Jahr habe sie die Strategie-Erstellung angestoßen, jetzt gehe es an die Umsetzung. Für sie ist ein zentraler Punkt, „die Erwerbsbeteiligung von Frauen zu erhöhen und den Gender-Pay-Gap (also die Lohnschere zu den Männern, Anm.) zu schließen“. In diesem Zusammenhang müsse man unter anderem auch das Modell des Jobsharings „intensiv prüfen“, und zwar „auch für Führungskräfte“.

Jobsharing heißt, zwei Personen teilen sich eine Vollzeitstelle. Allerdings fehlt bereits jetzt an allen Ecken Personal, um offene Stellen zu besetzen. Zudem ist die Teilzeitquote gerade in Tirol besonders hoch und eigentlich mehr Vollzeitstellen das Ziel. Das alles sieht Palfrader aber nicht im Widerspruch zu ihrem Jobsharing-Ansatz. Sie sieht darin vor allem die Möglichkeit, mehr Frauen in Top-Positionen zu bringen – also „Topsharing“.

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Landesrätin Beate Palfrader sieht die Teilzeitquote bei Frauen in Tirol „nicht erfreulich".
© Land Tirol/Die Fotografen

Wirtschaftslandesrat Anton Mattle (ÖVP) verwies auf den demografischen Wandel und geänderte Bedürfnisse von vor allem jüngeren Beschäftigten. Daher sollen „spezielle Arbeitsmodelle“ gefördert werden und die duale Ausbildung Matura/Lehre durchlässiger werden, auch um später den Berufswechsel zu erleichtern. Für Tirols schwarzen Arbeiterkammerpräsidenten Erwin Zangerl müsse man sich für den bereits bestehenden „Wettbewerb der besten Köpfe und Hände“ wappnen.

Für Tirols ÖGB-Chef Philip Wohlgemuth (SPÖ) gehe es bei der Strategie unter anderem auch um die Absicherung bei Jobverlust, um altersgerechte Arbeitsplatzmodelle.

Was den Personalmangel betrifft, sei die Lage „teilweise dramatisch“, schildert Tirols Wirtschaftskammer-Vize Martin Wetscher. Überall fehlten Mitarbeiter. Man müsse daher Menschen, die arbeitswillig seien, das Arbeiten ermöglichen – etwa Pensionisten. Auch die Voraussetzungen für die Rot-Weiß-Rot-Card seien trotz Verbesserungen immer noch „ein starkes Hemmnis“.

Die neun Ziele

Strategiefeld I: Förderung der Erwerbsbeteiligung

  • Verbesserung der Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf
  • Unterstützung beim Einstieg in den und Verbleib im Arbeitsmarkt
  • Unterstützung bei der Rückkehr in den Arbeitsmarkt

Strategiefeld II: Aus- und Weiterbildung unterstützen, Kompetenzentwicklung ausbauen

  • Erhöhung der Bildungsbeteiligung
  • Unterstützung bei der Erlangung von Berufs- und Bildungsabschlüssen
  • Ausbau der Anerkennung non-formal und informell erworbener beruflicher Kompetenzen

Strategiefeld III: Verbesserung der Teilhabechancen am Arbeitsmarkt

  • Ausweitung der Unterstützungs- und Stabilisierungsangebote im Vorfeld der Arbeitsmarktintegration
  • Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit gering qualifizierter Personen
  • Anpassung der niederschwelligen Beschäftigungsmöglichkeiten

Die sich daraus ergebenden Maßnahmen hat das Land Tirol in einer Aussendung hier aufgeschlüsselt.

Tirols AMS-Chef Alfred Lercher gehe es neben der Aufstockung der Saisonkontingente oder der Mitarbeiterrekrutierung aus dem Ausland auch darum, die „stille Arbeitsmarktreserve“ in Tirol zu aktivieren. Darunter versteht man all jene, die zwar keine Arbeit gesucht haben und daher nirgends aufscheinen, grundsätzlich aber gerne arbeiten würden und innerhalb von zwei Wochen zu arbeiten beginnen könnten.

Sie sind gewissermaßen vom Arbeitsmarktradar nicht erfasst, also auch nicht in der Arbeitslosenstatistik: Darunter fallen etwa auch Eltern mit Betreuungspflichten, Langzeitarbeitslose, die nicht mehr arbeitslos gemeldet sind, oder etwa Studenten ohne Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung. Laut AMS beträgt die „stille Reserve“ in Tirol 7000 Menschen. Zum Vergleich: Derzeit gibt es in Tirol 12.000 Arbeitslose und 11.000 offene Stellen.

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Erwin Zangerl, Präsident Arbeiterkammer Tirol

„Aktuell sind die Zahlen des Tiroler Arbeitsmarktes zwar sehr erfreulich, aber es besteht absolut kein Grund zu übertriebener Freude. Die massive Teuerung bringt viele Menschen in Tirol an ihre finanzielle Belastungsgrenze und darüber hinaus. Deshalb dürfen weitere Unterstützungsmaßnahmen nicht ausbleiben. Denn wir haben auch noch die langfristigen Herausforderungen zu bewältigen: Digitalisierung, Demographie, Klimakrise. Gerade in unsicheren Zeiten muss deshalb das Fundament des Tiroler Arbeitsmarktes gestärkt werden. Dazu sind hochwertige, ganzjährige Arbeitsplätze, attraktive und ausreichend geförderte Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, der Ausbau der Kinderbetreuung und vieles andere mehr notwendig. Die Strategie ‚Tiroler Arbeitsmarkt 2030‘ spricht die wesentlichen Themen für den Arbeitsmarkt an und wird breit von den Partnern im Land getragen. In der Umsetzung müssen wir bereit sein, neue Wege zu gehen, denn weitere Herausforderungen werden sicherlich auf uns zukommen.“

Martin Wetscher, Vizepräsident Wirtschaftskammer Tirol

„Gemeinsam und umfassend – so ist die vorliegende Strategie erarbeitet worden. Dafür bedanke ich mich bei allen Partnern. Der Strategie liegen tiefe Überlegungen zugrunde und es gibt wohl keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, diesen Fahrplan zu präsentieren. Er dient uns in den kommenden Jahren als Leitlinie. Mit den akuten Herausforderungen des Personalmangels sind wir nicht allein: Es handelt sich um ein weit verbreitetes Problem in Europa. Doch wichtig wird es in jedem Fall sein, dass wir unser Denken aufbrechen und dass Menschen, die leistungsbereit sind, arbeiten können – ob in Form von Überstunden oder freiwillig trotz Erreichen des Pensionsalters. Wir müssen für sie alle Arbeitsmöglichkeiten schaffen, ohne ihre Motivation durch erhöhte Abgaben etc. zu verringern.“

Philip Wohlgemuth, Vorsitzender des Österreichischen Gewerkschaftsbundes Tirol

„Ein sicherer Arbeitsplatz, gute Einkommen, umfassende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und die Absicherung im Fall des Arbeitsplatzverlustes sind entscheidende Indikatoren, um für die Menschen in unserem Bundesland ein gutes Leben zu gewährleisten. In unserer gemeinsam erarbeiteten Strategie geht es nicht nur darum, Menschen für den Arbeitsmarkt zu gewinnen, wir wollen sie dort auch halten und zwar in guten Jobs mit fairen Einkommen, von denen man leben kann. Wesentlich ist hierfür die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – es freut mich sehr, dass hier ein gemeinsamer Schulterschluss zu maßgeblichen Verbesserungen gelungen ist. Mit der Stärkung der Lehrausbildung und Unterstützung junger Menschen – unter anderem mit dem Ausbau der Schulsozialarbeit – setzen wir ein wichtiges Zeichen für junge Menschen und sorgen gleichzeitig für die dringend benötigten Fachkräfte der kommenden Jahre. Wir brauchen in Tirol eine Politik für Wachstum und Beschäftigung sowie soziale Sicherheit, in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Mit der Strategie ‚Arbeitsmarkt Tirol 2030‘ ist uns die Weichenstellung zu einem guten Leben für alle gelungen.“

Alfred Lercher, Arbeitsmarkt Service Tirol

„Um den Herausforderungen heute und morgen am Tiroler Arbeitsmarkt gut begegnen zu können, braucht es wirksame arbeitsmarktpolitische Instrumente und Angebote. Die Strategie ‚Arbeitsmarkt Tirol 2030‘ liefert hierfür eine Fülle an Vorschläge und Ideen, die sich an das ganze Land richten. Das AMS Tirol startet bereits im September mit konkreten Maßnahmen. Neu ist die Fachkräfteoffensive Tirol: Wir bringen Menschen ohne abrufbare Fachausbildung zu Höherqualifizierung in besonders nachgefragten Berufen wie beispielsweise Pflege, Klima und Technik und wir stehen hier, mit besonderem Fokus auf den Tourismus, natürlich auch für eine Kompetenzerweiterung in der angestammten Branche ein. Zur Verbesserung der Erwerbschancen von Frauen legen wir bis Ende des Jahres zusätzlich eine Studie vor, die sich mit dem Bedarf und dem Ausbau qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung in Tirol befasst und aufzeigt, wie diese auf den individuellen Bedarf von Eltern und Betrieben abgestimmt werden kann. Das sind konkrete erste Schritte. Um den Herausforderungen bis 2030 gerecht zu werden, bedarf es weiterer gemeinsamer Anstrengungen sowie operativer, aber auch politischer und monetärer Weichenstellungen. Die Zeit ist aber trotz aller Unsicherheiten voller Chancen am Arbeitsmarkt, speziell für Arbeitsuchende.“


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