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Das Olympia-Attentat und seine Folgen: „Zeit hat Wunden nicht geheilt"

Am 5. September 1972 kamen während der Olympischen Spielen in München Tod und unsägliches Leid – 50 Jahre später sind noch viele Fragen offen.

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Die olympische Flagge auf Halbmast: Nachdem Tod der zehn Menschen trauerte die Welt mit dem israleischen Team.
© imago (3)

München – Als am 26. August 1972 die Olympischen Sommerspiele in München eröffnet werden, ist die Stimmung fröhlich, zehn Tage später herrscht blankes Entsetzen. Am 5. September um 4.55 Uhr fallen palästinensische Terroristen der Organisation "Schwarzer September" in die Unterkunft der israelischen Mannschaft im Olympiadorf ein.

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Sie erschießen zwei Athleten und nehmen neun Geiseln. Eine Horrortat, die erst spät in der Nacht in einem Blutbad endet, bei dem neun Geiseln und ein Polizist sterben. Die Wettkämpfe werden unterbrochen und nach einem Tag fortgesetzt. "The Games must go on", so die höchst umstrittene Parole des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage.

📽️ Video | Vor 50 Jahren: Das Attentat von München

Am 5. September soll nun in München der Ermordeten gedacht werden. Doch die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag wurden im Vorfeld von langen Diskussionen begleitet: Opferfamilien halten den Umgang mit dem Attentat für ebenso unzureichend wie die bisher gezahlte Entschädigung, sie riefen deswegen zum Boykott der Veranstaltung auf.

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Bei der Trauerfeier nach dem Attentat auf israelische Sportler sprach IOC-Präsident Avery Brundage seine berühmte Rede: "The games must go on!"
© imago sportfotodienst

Erst wenige Tage vor dem Jahrestag kam es nun zu einer Einigung - 28 Millionen Euro sollen wohl aus Deutschland an die elf Familien der israelischen Hinterbliebenen fließen. Dazu ist eine Aufarbeitung der Ereignisse von damals durch eine Historiker-Kommission geplant, besetzt mit Experten aus Deutschland und Israel. Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) hatte das Paket mit den Hinterbliebenen ausgehandelt. Diese wollen nun doch nach Fürstenfeldbruck kommen, mit ihnen wohl auch Israels Staatspräsident Jitzchak Herzog. Erwartet wird dann eine Entschuldigung Deutschlands - ausgesprochen durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Die Geschehnisse vom 5. September 1972 trafen Polizei, Sicherheitskräfte, Organisatoren und die politische Führung völlig unvorbereitet, auch wenn es zuvor Hinweise auf einen möglichen Terrorakt gegeben hatte. Doch die hatten keine Konsequenzen.

Und so können die Terroristen in aller Früh mit Sturmgewehren ins Olympische Dorf eindringen, mit dem Ziel, mit der Geiselnahme mehr als 200 Palästinenser aus Gefängnissen in Israel freizupressen.

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Zermürbende Verhandlungen folgen, die Attentäter stellen immer wieder Ultimaten, die ablaufen. Versuche, zu den Geiseln vorzudringen, scheitern. Der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und andere bieten sich als Ersatzgeiseln an, ohne Erfolg. Die Terroristen fordern schließlich ein Flugzeug, um mit ihren Gefangenen nach Kairo zu fliegen.

Am Flugplatz Fürstenfeldbruck wird dafür eine Maschine bereitgestellt, zeitgleich suchen die Sicherheitskräfte unter Hochdruck nach Wegen, die gefangenen Sportler zu befreien. 50 Jahre danach ist allen klar - Mängel in der Kommunikation, Wankelmut bei den Entscheidungsträgern und fehlende Krisenkonzepte führten zu dem, was in Polizeikreisen heute mit einem Satz beschrieben wird: "Der Polizeieinsatz war ein Desaster."

Katastrophe auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck

Als gegen 22.30 Uhr zwei Hubschrauber mit Terroristen und Geiseln an Bord in Fürstenfeldbruck landen, kommt es zur Katastrophe. Bei wüsten Schusswechseln sterben alle Geiseln und ein Polizist im Kugelhagel. Auch fünf Attentäter kommen um. Drei weitere werden festgenommen, werden aber schon im Oktober mit Hilfe einer Flugzeug-Entführung freigepresst.

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Ein Debakel, das schärfste Vorwürfe an der Vorgehensweise nach sich zieht und viele sprach- und ratlos macht. Die Journalisten Uwe Ritzer und Roman Deininger haben die Ereignisse für ihr Buch "Die Spiele des Jahrhunderts" noch einmal zusammengetragen. Viele Pannen führen sie darin auf. So konnten die Attentäter die Polizeiaktionen im Olympischen Dorf live am Fernseher verfolgen, weil alles weltweit im TV übertragen wurde. Später in der Nacht wurde zudem fälschlich verkündet, dass die Geiseln in Fürstenfeldbruck glücklich befreit worden seien - Stunden danach musste ihr Tod vermeldet werden.

Gedenken in Fürstenfeldbruck

50 Jahre nach dem Olympia-Attentat von München am 5. September 1972 wird an diesem Montag auf dem Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck der Opfer von damals gedacht. Zu der Gedenkveranstaltung werden neben den Hinterbliebenen der israelischen Opfer auch Israels Staatspräsident Izchak Herzog, Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erwartet. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte bereits im Vorfeld erklärt, die Bundesrepublik stelle sich ihrer Verantwortung.

Die Hinterbliebenen der israelischen Opfer hatten sich nach jahrzehntelangem Kampf erst wenige Tage vor der Gedenkfeier mit der deutschen Bundesregierung auf eine Entschädigung für das entstandene Leid geeinigt. 28 Millionen Euro stehen nun als Entschädigungssumme fest, wovon der Bund 22,5 Millionen, der Freistaat Bayern 5 Millionen und die Stadt München 500.000 Euro übernehmen. Darüber hinaus soll es eine umfangreiche Aufarbeitung der Geschehnisse geben.

Deininger und Ritzer kritisieren auch, was in den Jahrzehnten danach geschah. Insbesondere, dass erst 2017 nach mehr als 40 Jahren ein Erinnerungsort im Olympiapark geschaffen wurde. "Dass es so lange dauert, kann man eigentlich nur als Fortsetzung des Versagens von 1972 begreifen", schreiben sie. "Vermutlich ist die traurige Wahrheit schlicht, dass es den Verantwortlichen von damals widerstrebt, ihre katastrophalen Fehler auch noch zur Schau zu stellen."

Sven Felix Kellerhoff erzählt in dem vor wenigen Monaten erschienenen Buch "Anschlag auf Olympia" die Geschehnisse minuziös nach. Seit einem halben Jahrhundert werde darüber gestritten, ob das Drama durch bessere Vorbereitung hätte verhindert werden können und ob die Verantwortlichen angemessen reagierten. "Die Antworten sind verstörend eindeutig: Ja, der 5. September 1972 hätte verhindert werden können, und nein, die Verantwortlichen haben nicht angemessen reagiert", meint er.

Doch die Wirklichkeit sei differenzierter. Kellerhoff verweist auf das Sicherheitskonzept, dass 27 Jahre nach dem Ende des Nazi-Terrors ein freundliches Gastgeberland präsentieren sollte. Dennoch sieht der Autor auch schwere polizeiliche Versäumnisse im Vorfeld der Spiele.

Auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck kam es am 5. September zur Katastrophe: Alle israelischen Geiseln und ein Polizist kamen ums Leben.
© Heinz Gebhardt via www.imago-images.de

Deutschland gründet in Folge Spezialeinheit GSG9

Die Politik zog Konsequenzen. Drei Wochen nach dem Anschlag am 26. September 1972 wurde die Spezialeinheit GSG9 gegründet - für den Antiterroreinsatz und zur Befreiung von Geiseln. Zudem gab der Staat Geld: 1972 und 2002 rund 4,6 Millionen Euro als humanitäre Geste für die Betroffenen. Dazu rund eine halbe Million Euro Leistungen des Nationalen Olympischen Komitees und Spenden des Deutschen Roten Kreuzes. 1994 forderten Familien vor Gericht 40 Millionen Mark (rund 20,45 Millionen Euro) Schadenersatz wegen massiver Fehler während des Polizeieinsatzes. Eine Klage, die aber wegen Verjährung scheiterte.

Ankie Spitzer wurde über Jahrzehnte zum Gesicht der Hinterbliebenen. Für sie reichte das Gezahlte nicht aus, um den Tod ihres Mannes, des Fechttrainers André Spitzer, wiedergutzumachen. "Ich hätte ihnen schon längst vergeben, aber sie waren immer so absurd demütigend", sagte Spitzer erst kürzlich dem Deutschlandfunk. Deutschland wollte zunächst nicht mehr zahlen, auch um kein zu großes Ungleichgewicht im Vergleich zur Entschädigung anderer Terroropfer entstehen zu lassen.

Gedenktafel vor dem Haus im Olympischen Dorf, in dem die Opfer damals untergebracht waren.
© APA/AFP/INA FASSBENDER

"Zeit hat die Wunden nicht geheilt"

Die deutschen Behörden sind nicht der einzige Gegner der Hinterbliebenen in der Angelegenheit: 2012, während der Olympischen Spiele in London, hatten sie dem Internationalen Olympischen Kommittee schwere Vorwürfe gemacht, weil dieses ihre Forderung nach einer Gedenkminute während der Eröffnungsfeier ausgeschlagen hatte.

Auch Ilana Romano, Witwe des ermordeten Gewichthebers Yossef Romano, kann nicht vergessen: "Auch nach 50 Jahren ist es immer noch schwer", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in Tel Aviv. "Manche sagen, dass die Zeit die Wunden heilt. Und ich sage: Absolut nicht! Die Zeit hat sie nicht geheilt, alles ist noch ganz glasklar, wir erinnern jede Einzelheit." (TT.com/APA/dpa)


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