Interview

Kirill Savchenkov: „Kunstmachen wird als irrelevant abgestempelt“

Kirill Savchenkov wurde 1987 in Moskau geboren, er lebt und arbeitet dort. Derzeit hält er sich für eine Künstler-Residency in Paris auf.
© Masha Demianova

Russlands Biennale-Künstler Kirill Savchenkov cancelte nach dem Angriff auf die Ukraine sein Projekt. In Bozen zeigt er jetzt eine adaptierte Arbeit.

Gemeinsam mit Alexandra Sukhareva und Raimundas Malašauskas sollten Sie heuer den russischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielen. Mit Kriegsbeginn sagte das Team die Teilnahme ab. Der Pavillon blieb leer. Was war Ihr ursprünglicher Plan?

Kirill Savchenkov: Geplant war ein Projekt zur kollektiven Erinnerung, Vorahnung und Zeit. Mein Teil des Projekts sollte die sehr spezifische Art der Autokratie und die Beziehung zu Autorität in Russland thematisieren. Mich interessierten die Vorahnung einer Diktatur und auch neue Formen des Zarismus, die im Heute auf Künstliche Intelligenz treffen. Mein Fokus lag dabei auf dem Effekt der Medien auf die Politik.

Kurz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine zogen Sie sich mit den Worten „Es ist kein Platz für Kunst, wenn Zivilisten sterben“ zurück. Welche Reaktionen bekamen Sie auf die Absage der Teilnahme? Wie haben Sie selbst die Geschehnisse um den 24. Februar verarbeitet?

Savchenkov: Der Großteil der Menschen unterstützte unsere Entscheidung. Die Invasion war und ist bis heute eine entsetzliche Erfahrung. Der 24. Februar begann für mich mit einem Anruf eines Freundes aus Mariupol, der von den Raketenangriffen erzählte, und mit Nachrichten von Angriffen auf Iwano-Frankiwsk – eine absolut unfassbare Situation.

In Bozen und für transart zeigen Sie kommende Woche eine Arbeit, die Teile Ihres Biennale-Konzepts einbindet. Was hat sich geändert? Was kann Kunst in dieser Zeit bewirken?

Savchenkov: Ich realisiere in Bozen eine adaptierte Performance-Installation des Pavillonprojektes. Diese Arbeit ist eine Reaktion auf die Unterdrückung einer Autokratie, die sich gerade in Richtung einer totalitären Diktatur entwickelt. Gerade in dieser Kriegssituation offenbart sich russische Autokratie als komplexes System aus kolonialen Überzeugungen, gesellschaftlichen Ressentiments und weiteren Faktoren. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Kunst weiterhin derartige Problematiken aufzeigt.

Was war Ihre Reaktion auf den Ausschluss russischer KünstlerInnen im Westen bzw. auf den westlichen Boykott russischer Kultur?

Savchenkov: Für mich ist es nur eine logische Art der Reaktion auf die entsetzlichen Ereignisse in einem Krieg. Aber man sollte nicht vergessen, solche Reaktionen macht sich auch die russische Regierung zunutze. Als Legitimation, das Land weiter von westlichen Einflüssen zu „befreien“ und so etwas wie einen Eisernen Vorhang gegenüber westlichen Werten und westlicher Kultur hochzuziehen. Auf der anderen Seite geht Russland im Inneren auch viel strikter vor, mit neuen Mechanismen von Zensur, die jegliche Formen von Progressivität sofort im Keim ersticken. Progressivität, die es vor dem Krieg in der Ukraine noch gab. Dieser Krieg ist meiner Ansicht nach ein Aufeinanderprallen von Überzeugungen aus dem 19. und dem 21. Jahrhundert. Was jetzt wichtig ist: dem Aggressor gemeinsam entschieden gegenüberzutreten.

Müssen KünstlerInnen Ihrer Meinung nach politische Statements abgeben? Muss Kunst politisch sein?

Savchenkov: Natürlich lassen sich Ästhetisches und Politisches nicht trennen. Beide sind für immer fest verbunden.

Sie leben derzeit in Paris. Als russischer Künstler haben Sie den Insiderblick: Wie ist die Situation für russische Kunstschaffende?

Savchenkov: Künstlerische Präsenz steht jetzt militärischer Zensur gegenüber – ebenso wie medialen Manipulationsversuchen und einer gänzlich transformierten politischen Realität. Das bedeutet etwa strengere Kontrollen. Sich klar kritisch zu äußern, ist problematisch. Alles wird von Propaganda vereinnahmt und der russischen Agenda des Krieges gegen die freien, westlichen Werte. In diesem Umfeld wird zeitgenössisches Kunstmachen als irrelevant abgestempelt. Es lastet eine Form von kulturellem und sozialem Druck auf den KünstlerInnen.

Wollen Sie das neue Projekt auch anderswo zeigen?

Savchenkov: Ja. Es war für mich sehr traurig, dieses Projekt loszulassen – auch wenn es nötig war. Natürlich muss die Arbeit jetzt Geschehnisse nach dem 24. Februar mitdenken.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner

Info

Transart. Am 23.9. ist „The Past Ripens in The Future. Cycle 5“ in Bozen zu sehen. Infos: transart.it