Fünfter Streich von Wanda: Jeder Rausch hat lichte Momente
Der fünfte Streich in zehn Jahren: Wanda wollen mit ihrem kommenden selbstbetiteltem Album ein Kapitel schließen.
Von Barbara Unterthurner
Innsbruck – Lang, lang ist’s her. Damals, als sie im Wiener Gürtellokal Chelsea vor gerade einmal 200 Leuten zum ersten Mal „Amore!“ grölten. Und dabei irgendwie subversiv den Nerv der Zeit trafen. Von da an ging es ganz schnell. In nur wenigen Monaten waren Wanda der Clubbühne schon wieder entwachsen. Seitdem sind die Vollzeitrocker in den Stadien des deutschsprachigen Raums daheim ... – so oder so ähnlich wird dieser Tage der steile Aufstieg von Wanda gern auf wenigen Zeilen zusammengefasst. Ja, es steht ein Jubiläum an. Das erste große der Wiener Combo.
Zehn Jahre (also eigentlich gar nicht so lange, lange) stehen Michael Marco Fitzthum vulgo „Marco Wanda“, Manuel Christoph Poppe, Reinhold Weber und inzwischen auch wieder Gründungsmitglied Valentin Wegscheider nun gemeinsam „on stage“. Das will natürlich gefeiert werden, nicht nur auf einer Stadiontour (2023), sondern auch mit einem neuen Album. Dem fünften Streich. Weil seit dem Debüt „Amore“ von 2014 alle zwei Jahre eine LP auf den Markt geworfen wurde. Dem Publikum jedenfalls gefällt’s. Die Stadien sind ausverkauft. Und die Stimmung passt, bewies die Band zuletzt beim Tourauftakt vor bald drei Monaten in der Olympiahalle in Innsbruck.
Wenn’s nach Marco Wanda geht, darf es „so, so, so weitergehen“ – so singt er’s jedenfalls in „Rot ist die Farbe“. Zu finden auf dem Longplayer „Wanda“. Ein Album, das wie noch keines vorher das Weitermachen hochhält (man höre „Va bene“!) – und trotzdem die DNA von Wanda, den Schrammelrock eingeschlagen in die abgewetzte Lederjacke, ausgiebig zelebriert. Erscheinen soll das Album an diesem Freitag. Ob es dazu kommt ist nach dem Tod des langjährigen Bandmitglieds Christian Hummer (siehe Kasten) fraglich.
Im besten Fall hört sich das wie die bereits veröffentlichten Songs „Jurassic Park“ und „Die Sterne von Alterlaa“ an, zwei gemütlich dahinplätschernde Nummern mit interessanten Bassläufen und „Huh, huh, huh“-Chören, die das „Zua-Sein“ als Lebensgefühl feiern. Simpel, aber effektvoll. Im schlechtesten Fall klingt das aber nach „Rocking in Wien“ oder „Eine Gang“, zwei Songs, die auch bereits online zu hören sind. Während „Rocking in Wien“ etwas vom stampfigen Charme einer Status-Quo-Hymne hat, ist das schmalzige „Eine Gang“ wohl nur gegrölt zu ertragen. Wie es geht, hat die Band vor Kurzem in „Ina Müllers Nacht“ im ARD-Spätprogramm vorgeführt. Auf wie vielen Junggesellenabschieden werden es amüsierentschlossene Jungpapas im Beisl nebenan Marco Wanda gleichtun – und „egal, was passiert, Mann neben Mann“ auf behaglichen zwei Promille noch einmal die „Gang“ von damals hochleben lassen? Wir können es nur erahnen.
Band trauert um Keyborder
1990–2022
Wanda-Keyboarder Christian Hummer ist tot
Gut aber, dass Wanda bei all dem Rockpathos mit ihrem Austropop in zwölf Songs (Produzent: Paul Gallister) am Boden bleiben. Sie wissen, dass der Exzess bloß Show-Ritual ist. „Nix, wos ma tuan, wird je zur Legende werden“, schunkelt sich „Eine Gang“ zum Höhepunkt. Und nur weil Marco Wanda seit zehn Jahren den totgesagten, aber anscheinend nicht ausgestorbenen Rock’n’Roll predigt, muss das nicht eindimensional enden. Jeder Rausch hat seine lichten Momente – so auch dieses Album. Immer dann, wenn Wanda die vielen düsteren Augenblicke zulässt. Beispiel: Das zweifelnde „Va bene“ oder die sanft groovende „Ganz normale Nacht in Wien“. Oder das zwischen Anteilnahme und Wurschtigkeit changierende „Kein Bauplan“, das eben auch kein Erfolgsrezept für die Liebe vorweisen kann.
Hoffnung gibt am Ende ja auch der Verweis darauf, dass der Frontmann mit dem aktuellen Album ein Kapitel Wanda-Geschichte abschließen will, wie er in Interviews sagt. Bevor das Publikum der Erzählung überdrüssig wird. Man darf hoffen, dass diese Ankündigung nicht nur Show ist. Apropos Show: Live ist Wanda bis März 2023 erst einmal nur in Deutschland zu erleben.