Kurkows „Tagebuch einer Invasion“: Was auf dem Spiel steht
In seinem „Tagebuch einer Invasion“ beschreibt Andrej Kurkow den Überlebenskampf der Ukraine. Im November bekommt er dafür den Geschwister-Scholl-Preis.
Von Joachim Leitner
Innsbruck – Am 2. März 2022 hätte Andrej Kurkow mit dem Zug von Kiew nach Sjewjerodonezk in die Oblast Luhansk fahren wollen. Dort wurde – in unmittelbarer Nähe der ukrainisch-russischen Grenze – an der Verfilmung von Kurkows Roman „Graue Bienen“ gearbeitet. „Graue Bienen“ handelt von einem Imker, der sich zwei Jahre lang nach Kräften müht, sich und seine Bienen aus dem Krieg zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten herauszuhalten. Im dritten Kriegswinter will es ihm nicht mehr gelingen.
Angetreten hat Kurkow seine Reise nicht. Am 23. Februar stellte er fest, dass er seine Zugtickets verloren hatte. Am Tag darauf wurde das, was in der Ukraine seit 2014 der ukrainisch-russische Krieg genannt wird – und hierzulande schon lang keine Meldung mehr wert war – zum „großen Krieg“: Russland hatte die Ukraine angegriffen, Russlands Präsident Putin, der die Ukraine in historischen Einlassungen wahlweise als Erfindung Deutschlands oder Lenins definierte, die „Entnazifizierung“ des Landes befohlen – und damit nichts anderes als dessen Vernichtung gemeint. „Mich schaudert es dabei, die folgenden Worte niederzuschreiben, aber ich werde es trotzdem tun: Die Ukraine wird entweder frei, unabhängig und europäisch sein, oder es wird sie überhaupt nicht mehr geben“, wird Andrej Kurkow gut zwei Wochen, nachdem Putin den Krieg entfesselt hat, notieren.
Obwohl in Kiew, wo Kurkow am 24. Februar um fünf Uhr Früh von mehreren Detonationen geweckt wurde, das Leben zunächst weitergeht. Die U-Bahn fährt noch. Die Cafés haben geöffnet. Kurkow schreibt Tagebuch. Vor dem Krieg änderte sich die Lage täglich, seither stündlich, notiert er am Tag des Angriffs. Er werde weiterschreiben, „damit Sie wissen, wie die Ukraine während des Krieges mit Putins Russland weiterlebt“.
Nun ist Kurkows „Tagebuch einer Invasion“ erschienen. Dieser Tage wurde dem Autor dafür der Geschwister-Scholl-Preis zuerkannt. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für Bücher, die von „geistiger Unabhängigkeit“ zeugen und „bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut fördern“, wird dem 61-Jährigen am 28. November in München verliehen.
„Tagebuch einer Invasion“ beginnt in den Wochen vor dem Angriff. Zum Jahreswechsel 2021/22 beherrscht Corona auch die ukrainischen Schlagzeilen. Gerüchte, dass Putin einen Angriff plant, gibt es seit Monaten. Seit der Annexion der Krim 2014 „hatten wir alle große Angst“, schreibt Kurkow beinahe beiläufig –und zeichnet anschaulich nach, was sich abzeichnet.
Kurkow zählt zu den prominentesten Autoren der Ukraine. Er wurde im sowjetischen Leningrad geboren, seine Muttersprache ist Russisch. Tragikomische Romane wie „Picknick auf dem Eis“, die skurrile Bilder für postsowjetische Rat- und Hoffnungslosigkeit fanden, machten ihn in den 1990er-Jahren weltberühmt. Sein bislang letzter Roman, „Samson und Nadjeschda“ ist erst vor wenigen Wochen in deutscher Übersetzung erschienen. Es geht darin um die Wirren nach der Oktoberrevolution, Knochen aus reinem Silber, eine diebische Rotarmistin und deftigen Kantinenfraß.
Kurkow schrieb den Roman 2019. „Die neue Realität in der Ukraine übertrifft meine schriftstellerische Vorstellungskraft bei Weitem“, notiert er nun – und beschreibt den Alltag im Ausnahmezustand. Kurkow spricht elf Sprachen. Für das Grauen des Krieges, schreibt er an einer Stelle, „sind ihm längst die Worte ausgegangen“. Kurkow ist Präsident des ukrainischen PEN. Er bezieht Stellung – im Wissen, dass er sich damit auch angreifbar macht. Von Schreibtischstrategen wurde er auch hierzulande kritisiert. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten erfüllt er nicht. Er stellt außer Zweifel, was in der Ukraine auf dem Spiel steht – und liefert mit seinen Tagebucheinträgen auch die Mentalitätsgeschichte eines Landes, das gerade um sein Überleben kämpft. Ein politisches Sprachrohr ist Kurkow nicht – und auch kein Hurra-Patriot: Seine Analysen der ukrainischen Innenpolitik sind schonungslos, seine Beschreibungen des Alltags vor und nach der Zeitenwende prägnant. Gerade weil in seinem Kriegstagebuch auch Menschen und Vorfälle vorkommen, für die in der Kriegsberichterstattung meistens der Platz fehlt, macht Kurkow die Dimensionen der Katastrophe sichtbar, die gerade passiert.
Sachbuch. Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion. Übersetzt von Rebecca DeWald. Haymon, 345 Seiten, 19,90 Euro.
Kriminalroman. Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda. Übersetzt von Johanna Marx und Sabine Grebing. Diogenes, 368 Seiten, 24,70 Euro.
Lesung. Andrej Kurkow ist am 27. November um 14 Uhr im Literaturhaus am Inn zu Gast. www.literaturhaus-am-inn.at
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