Kunst

Geronnene und verschwundene Materie im Wörgler Polylog

Bilder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Zur Skulptur gestapelt von Christian Stock, zur Illusion entmaterialisiert von Walter Obholzer.
© Schreyer

Zwei sehr spezielle Maler im Wörgler Polylog: „Ornament und Schichtung“ von Walter Obholzer und Christian Stock.

Von Edith Schlocker

Wörgl –Seinen zehnten Geburtstag feiert der kleine, feine Wörgler Kunstort mit einer ganz speziellen Delikatesse. Indem Kurator Günther Moschig diesmal mit Walter Obholzer und Christian Stock zwei Künstler zusammenspannt, die auf einen ersten Blick überhaupt nichts, auf einen zweiten allerdings sehr viel miteinander zu tun haben.

Was schon im Titel „Ornament und Schichtung“ der Schau anklingt, in der sich zwei konträre Spielarten der Malerei gegenüberstehen. Der 62-jährige Christian Stock als einer, der die Malerei sich zur Skulptur türmen lässt, während der vor 14 Jahren erst 55-jährig verstorbene Obholzer das Reale zur Illusion entmaterialisiert.

Was die beiden aus Tirol stammenden, weit über die Landesgrenzen hinaus renommierten Künstler – die in Wien studiert haben, leben bzw. gelebt haben – verbindet, ist der konsequent konzeptionelle Ansatz ihres Tuns. Genauso wie ein unendlich langer Atem, den die beiden offensichtlich haben bzw. hatten. Ist in den unendlich langen Entstehungsprozessen ihrer Arbeiten doch nichts zufällig, nichts emotional aus dem Bauch heraus „geschossen“, jedes Detail exakt kalkuliert.

Christian Stock: „Würfelbild Blau“, 1999–2013.
© Schreyer

Um in den würfeligen Objekten von Christian Stock – die für ihn allerdings Bilder sind – sozusagen zur haptisch fassbaren geronnenen Zeit zu werden. Indem er bisweilen mehrere Jahre lang auf eine kleine quadratische Leinwand unzählige feine Schichten purer Farbe aufbringt, so lange, bis das „Bild“ zum Würfel geworden ist. Zum amorphen Stück purer Materie, dessen Struktur abhängig ist von den Umweltbedingungen während der Zeit des Trocknens, aber auch davon, wie dick Stock die jeweilige Farbschicht aufgetragen hat, um im extremen Fall partiell wulstig die Form fast zu sprengen.

Stock hat im Polylog aber auch den hinteren galeristischen Teil in den „Farbraum Nr. 3“ verwandelt. Der in der Art, wie er ihn mit einem breiten Pinsel ausgemalt und mit einem kleinen weißen Farbwürfel bestückt hat, fast sakral daherkommt.

Walter Obholzer, der Österreich 1988 bei der Biennale von Venedig vertreten hat und drei Jahre später – gemeinsam mit Lois Weinberger – bei der Biennale von Sao Paulo, hat seinen internationalen Durchbruch leider nicht mehr erlebt. Umso erfreulicher ist die Wiederbegegnung mit seiner einzigartigen Art des Einfangens der Wirklichkeit, seine Kunst, die Materie praktisch zum Verschwinden zu bringen. In gern großformatigen, in unzähligen dünnsten, immer wieder abgeschliffenen Schichten auf ganz harte Platten mit Tempera gemalten Bildern, die das Reale, das ein banaler Zaun genauso wie eine geometrische Struktur sein kann, zum in der Fläche ausgebreiteten, haptisch delikat aufgeladenen Ornament abstrahiert.

Besonders reizvoll sind aber auch Obholzers ebenfalls in der Schau zu sehende „Vorfotografien“. Etwa seine in höchst konzentriertem Tun mittels Airbrush gemalte Variante von Vermeers „Malkunst“. Rubens’ „Pelzchen“ hat sich dagegen Stock vorgenommen. Indem er ein zum Großformat aufgeblasenes Foto des Gemäldes mit seinem Daumen sozusagen „signiert“.