Brief an Tirol

Welche Werte einen uns, welche Wertschöpfung passt zu uns?

Lasst uns miteinander, nicht übereinander reden. Zur Zukunft Tirols.

Von Verena Ringler

Laut Franz Hörl seien Seilbahnen klimafreundlicher, als bisher kommuniziert worden sei. Egal, wie man dazu steht – das Schlüsselwort ist „Kommunikation“. Tatsächlich ist es wichtig, zu unserem Zusammenleben, unserem Verhältnis zur Natur und unseren Zukunftsvorstellungen ins Gespräch zu kommen. Miteinander, nicht übereinander.

Welche Vision haben wir für Tirol? Welche Werte einen uns, welche Wertschöpfung passt zu uns? Wie stellen wir uns im Rahmen des „European Green Deals“ – des Fahrplans zur Klimaneutralität – mutig und innovativ auf? Möchten wir weitertun wie bisher? Oder wagen wir uns weit nach vorn? Etwa indem wir in einem Tal den klimaneutralen Tourismus und die regionale Kreislaufwirtschaft pilotieren, gemeinsam mit der Wissenschaft und allen, die dort leben?

Wir dürfen uns jedenfalls Kühnes zutrauen. Das ist in jüngerer Zeit zweimal geglückt, erinnern sich heimische Führungskräfte in einer von mir geleiteten Feldstudie: In den Siebzigern öffneten Bildungschancen und neue Infrastruktur die mentalen und materiellen Tore zur Welt. In den Neunzigern dachte man über Gesellschaft und Natur neu nach. Impulse kamen etwa von Martha Heizer (Kirchenvolksbegehren), Felix Mitterer (Piefke-Saga), Andreas Braun (Tirol Werbung) und Reinhold Stecher (damals Bischof, auch Bergfreund, Autor).

Zur Person

Mag. Verena Ringler kehrte nach Jahren in der EU-Diplomatie und Projektentwicklung zurück nach Tirol. Sie leitet den Verein AGORA European Green Deal.

Heute leben wir in einer turbulenten Zeit, die uns viel abverlangt. Da leisten sich einige Regionen das „Große Gespräch“. Sie pflegen also neue Arten von Zusammenkünften abseits von Partei oder Beruf:

Vorarlberg trainiert das Fragen, Zuhören und Erkunden von Lösungen seit über zwanzig Jahren, vom großen Bürgerrat bis zum Zukunftssalon ums Eck. Denn das Büro für Freiwilliges Engagement und Beteiligung sitzt direkt im Landhaus. Es unterstützt Gemeinden und Zivilgesellschaft.

Das Wertebündnis Bayern vereint seit zehn Jahren lokale Ideen und Fördergelder unter einem Dach. Ob Trachtenverein, Staatskanzlei, Sparkasse, muslimische Jugend, linker Gewerkschaftsflügel, die Stiftung von Ex-Fußballer Philipp Lahm: 207 Partner machen mit und haben je eine Stimme in der Vollversammlung. So spricht und streitet man in 30 Gemeinden in der „Langen Nacht der Demokratie“, Kinder erproben die Dialekte ihrer Muttersprachen, Jugendliche debattieren im Landtag. Auch in Tirol müsste so ein Büro oder Bündnis parteiübergreifend gewollt und stark verankert sein. Man würde die derzeit viel zu leisen Stimmen aus Kultur und Bildung an den Tisch holen sowie die Frauen und den Nachwuchs, aus jedem Eck Tirols. Das neue Regierungsprogramm gibt Hoffnung. Da steht, „Ein erfülltes Leben … kann Realität werden, wenn wir das Vertrauen in unsere eigenen Möglichkeiten und Stärken wiederherstellen, … wenn wir einander offen begegnen.“ Vertrauen also! Vertrauen kann man nicht e-mailen. Kein Algorithmus gestaltet Zukunft. Denn wo kommen die Leute zusammen, in guten wie in schwierigen Zeiten? Beim Reden. Und eben nur dort.

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