📺 Filmkritik

„Le otto montagne – Acht Berge“: Ein Espresso auf die Freiheit in den Bergen

Ziemlich beste Bergfreunde vor der Kulisse des Aostatals: Bruno (Alessandro Borghi) und Pietro (Luca Marinelli).
© Polyfilm

„Le otto montagne – Acht Berge“ von Charlotte Vandermeersch & Felix van Groeningen ist ein kitschfreier Film über Freundschaft.

Innsbruck – „Le otto montagne – Acht Berge“ ist eine Geschichte über die Freundschaft, aber wir behandelten sie wie eine Liebesgeschichte.“ Das schreibt das belgische Duo Charlotte Vandermeersch und Felix van Groeningen über ihre erste gemeinsame Regie. Sie haben bereits vor zehn Jahren für das Drehbuch zum großartigen Musik-Beziehungsdrama „The Broken Circle Breakdown“ zusammengearbeitet. Nun hat die beiden, die privat ein Kind und eine Beziehung verbindet, die Pandemie zur gemeinsamen Regie geführt.

„Als der erste Corona-Lockdown kam, waren wir als Paar gerade gebeutelt, wir befanden uns in einer tiefen Krise, und nun geriet auch noch die Welt aus den Fugen. Irgendwie ahnten wir, dass die Arbeit an dieser unverfälschten Geschichte das Potenzial hatte, uns zu heilen.“

Heilsam ist der von der Natur der Berge geprägte, emotional-ehrliche Film sicher. Wobei einer der beiden Protagonisten, der in den Bergen aufgewachsene Bruno, festhält: „Nur Leute aus der Stadt sagen ,Natur‘, für euch ist sie abstrakt, genau wie das Wort.“ Der angesprochene Besucher bittet darum, ihm seinen Traum vom Paradies fernab der Stadt zu lassen.

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Der Film erzählt von einer Freundschaft, die in der Kindheit beginnt. Bruno lebt in einem entlegenen Abwanderungs-Dorf im Aostatal. Pietro ist mit seinem bergbegeisterten Ingenieursvater aus Turin immer wieder auf Sommerfrische. Die beiden verstehen sich, und nach langer Pause und 30 Filmminuten werden sie beste Erwachsenen-Freunde über alle Klassengrenzen und Herkunftsunterschiede hinweg.

Auch wenn die Figuren ein Spiegel des Regie-Duos sind: Von einer „Brokeback Mountain“-Liebe wird hier nicht erzählt. „Le otto montagne“ basiert auf dem gleichnamigen, preisgekrönten Roman von Paolo Cognetti und ist ein italienischer Film unter belgischer Regie. Das merkt man schon am vielen Espresso, der auch in der entlegensten Berghütte noch getrunken wird.

Die kraftvolle, authentische Darstellung des italienischen Lokalkolorits ohne Extra-Kitsch erinnert nicht nur wegen Hauptdarsteller Luca Marinelli bisweilen an das Epos „Martin Eden“. Den suchenden Schreiber Pietro zieht es hinaus in die Welt, während der Macher Bruno (Alessandro Borghi) sich immer weiter in die heimischen Berge zurückzieht.

„Le otto montagne“ ist ein Männerfilm, in dem Frauen bestenfalls eine Nebenrolle spielen und ohne viele Worte Häuser gebaut, Bäume gepflanzt und Kinder gezeugt werden. Doch wie schon in Felix van Groeningens USA-Ausflug, dem niederschmetternden Vater-Sohn-Drama „Beautiful Boy“, geht es tief unter die Oberfläche und hoch hinaus.

Berge bedeuten Freiheit. Doch sie sind ambivalent und auch abweisend und karg. Sie widersetzen sich der vollständigen Idealisierung und Eroberung, die Freiheit ist momenthaft. Das Wetter kann umschlagen,auch in den großartigen „otto montagne“.

Info

„Le otto montagne – Acht Berge“ läuft seit dieser Woche im Kino.

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