Reisebericht

Argentiniens Norden: Und nach dem Tango eine Tasse Matetee

Cerro San Bernardo. Der Hausberg Saltas kann bequem mit einer Seilbahn vom Park San Martin aus erreicht werden.

Wer einmal einen Tango auf offener Straße tanzen, einen traditionellen Matetee trinken oder ein Lama als Haustier sehen möchte, ist im Norden Argentiniens genau richtig.

Text und Fotos: Martina Katz

La Niña del Rayo ist ein schönes Mädchen. 500 Jahre lang lag das sechsjährige Inka-Kind in einer Felsnische auf dem Gipfel des Vulkans Llullaillaco im Norden Argentiniens begraben. Jetzt befindet es sich im archäologischen Museum von Salta in einer Kapsel, bei reduziertem Sauerstoffgehalt, gefiltertem UV-Licht und einer Temperatur von -20 Grad Celsius. Es sitzt im Schneidersitz, die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet. Den zu einem Kegel deformierten Kopf, ein Zeichen für höheren Status, streckt das Mädchen stolz empor.

„Die Inka haben besonders hübsche Kinder als rituelle Opfergaben ausgewählt“, sagt Museumswärter Miguel und überprüft das Thermometer der Kapsel. Schon Wochen vor dem Opfertag sollen Menschen aus der gesamten Region gekommen sein, um an der Götterverehrungszeremonie teilzunehmen. Den Kindern zog man schöne Kleider an und flößte ihnen Chicha ein, einen Maisschnaps, der sie einschlafen ließ. Dann begrub man sie zusammen mit kostbaren Keramikschalen und Lamawolle-Hüftbändern.

Am Fuße der Anden

Mate: So wird der Tee wie auch das typische Trinkgefäß dafür genannt.

Salta, mit gut 500.000 Einwohnern eine der größten Städte Argentiniens, liegt im Valle de Lerma an den Ausläufern der Anden. In dem fruchtbaren Tal im Norden des Landes blühen Korallenbäume und Jakarandas, die zur Familie der Trompetenbaumgewächse gehören. Milchkühe grasen auf den Feldern. Schon die Inka wussten um die günstige Lage der Region, als sie hier bis ins 16. Jahrhundert Handelsstraßen anlegten. Bis sich die spanischen Kolonialisten breitmachten und unter Hernando de Lerma den Ort Salta gründeten.

La Linda, die Hübsche, wird die Stadt von den Einheimischen genannt. Und tatsächlich ist sie die schönste Kolonialstadt Argentiniens. Weiß und pastellfarben getünchte Fassaden reihen sich in den schmalen Straßen aneinander. Am Plaza 9 de Julio thront die rosafarbene Kathedrale mit den Überresten des Stadtgründers. An der Calle Córdoba streckt sich der 57 Meter hohe Glockenturm der Iglesia San Francisco in den Himmel.

In voller Pracht erscheint das Naturreservat „Quebrada de las Conchas“.

Am Nachmittag ist es still in den Straßen. Es ist Siesta, die Ruhepause nach dem Mittagessen. Erst am Abend erwacht „die Hübsche“ zum Leben. Dann zieht es jeden, der etwas auf sich hält, in die Straße Calle Balcarce, wo Cafés und Restaurants Tische und Stühle nach draußen stellen und Musikgruppen Folklore auf Gitarre, Bongo und Flöte zum Besten geben. Schöner klingt traditionelle Musik nur in der Quebrada de las Conchas. In der „Muschelschlucht“, hundert Kilometer weiter südlich, steht ein Mann auf einem Vorsprung in einem 50 Meter breiten, kreisrunden Felskessel und singt lauthals zu seiner Gitarre für eine Gruppe argentinischer Urlauber.

Ein Lama mit Ohrschmuck.

Wind, Wasser und Eisenoxid haben diese roséfarbene Buntsandsteinwand, die auch in der Höhe 50 Meter misst, im Laufe von Millionen von Jahren geschaffen. Die heimische indigene Kommune nennt sie aufgrund dieser Besonderheiten stolz Amphitheater – ein Highlight, das nur durch einen Felsschlitz zugänglich ist, gelegen an der Ruta 68. Die Nationalstraße schlängelt sich mitten durch die 80 Kilometer lange Schlucht. Immer dem Fluss Río de las Conchas nach. In der Weinregion von Cafayate im Nordwesten von Argentinien sind aus den Bergen liebliche Hügel geworden. Ein Weinberg grenzt hier an den nächsten. Darauf je eine wunderschöne Finca, auf der abends Grillen zirpen und morgens Maximilianpapageien krächzen.

„360 Sonnentage gibt es hier im Jahr, dazu kristallklares Wasser durch die Schneeschmelze aus den Anden und einen steinigen Sandboden. Perfekte Voraussetzungen für den Weinanbau“, sagt Charlotte Guillemot und lacht.

Üppige Grünflächen vor der Iglesias-Kathedrale in Salta.

Die Weinmanagement-Studentin, die eine französische Mutter und einen argentinischen Vater hat, arbeitet auf der Finca Quara. Praktisch jede Andenprovinz im Norden des Landes produziert die süße Traube, auf Höhen zwischen 1500 und 3000 Metern. „Leider trinkt meine Generation kaum noch Wein. In Buenos Aires haben sich deshalb Weinclubs gegründet, in denen sich jede Woche junge Leute treffen, um Weine zu probieren“, ergänzt Charlotte.

Metropolen und alte Bräuche

Buenos Aires, die Vier-Millionen-Einwohner-Stadt am Río-de-la-Plata-Fluss, rühmt sich als Welthauptstadt des Tangos. In der Fußgängerzone Florida treten regelmäßig Laientänzer auf, im Viertel La Boca warten die Chicas in adretten Kleidern vor kleinen bunten Wellblechhäusern auf Touristen, denen sie sich für ein Foto anbieten – gegen ein Trinkgeld, versteht sich. Noch bis vor 30 Jahren wohnten die Nachfahren italienischer und spanischer Einwanderer, die Buenos Aires und dem ganzen Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen drastischen Bevölkerungszuwachs bescherten, in dem armen Stadtteil.

Die Landschaft der Provinz Jujuy ist von der Humahuaca-Schlucht geprägt.

Längst sind hier Läden und Ateliers eingezogen und die Stadt ist zu einer Metropole geworden. Die Avenida 9 Julio ist mit 16 Spuren die breiteste Straße Südamerikas, und die Calle Corrientes vereint in sieben Blocks rund zwei Dutzend Theater und gilt deshalb als Argentiniens Broadway.

Vier Schulmädchen in Schuluniform haben in der Region Cafayate einiges zu lachen.

In der nördlichsten Provinz Jujuy ragt das Land mit Höhen von bis zu 4000 Metern in den Himmel. Endlose Felder mit goldgelbem Ichu-Gras breiten sich in der Hochwüste Puna aus, ab und zu blicken Lamas mit bunten Bändern an den Ohren neugierig auf. In den Andendörfern haben sich die Indigenen längst auf die Touristenscharen eingestellt. Viele Verkaufsstände bieten Wollprodukte aus Bolivien an, die sind billiger als die heimische Handarbeit.

Auf dem Weingut der Finca Quara in Cafayete arbeitet Charlotte Guillemot.

Vor einem typischen Lehmziegelhaus sitzt Maria mit ihrem Lama. Einen Monat sei Morena alt und schon ein richtiges Haustier, erzählt die 14-Jährige stolz. Neben ihr genießt Ana Maria einen Matetee. Die 28-Jährige aus Córdoba ist mit ihren Freundinnen gekommen. Sie füllt ein Trinkgefäß aus rotem Algarroboholz – ebenfalls Mate genannt – zu drei Vierteln mit Teeblättern, gießt Wasser aus einer Thermoskanne drauf, steckt das Trinkröhrchen Bombilla hinein und zieht daran. Dann gießt sie Wasser nach und reicht die Mate weiter – ein Brauch, der für Geselligkeit steht. Auch dafür sind die Argentinier bekannt.

Kleine Läden zieren mittlerweile die Einkaufsmeile La Boca in Buenos Aires.

✈️ Reise-Infos

Anreise: Air France fliegt ab München über Paris nach Buenos Aires (ab 1870 Euro, www.klm.com). Alternativ mit Condor über Frankfurt, Punta Cana und Panama (ab 2045 Euro, www.condor.com).

Pauschalreisen: Ikarus Tours bietet eine 19-Tage-Höhepunkte-Tour in die Region ab 5390 Euro (www.ikarus.com) an. Gebeco (www.gebeco.de) hat eine 17-tägige Erlebnisreise nach Südamerika ab 4995 Euro im Programm. Bei Studiosus (www.studiosus.com) gibt es eine 20-Tage-Studienreise ab 8440 Euro. Wikinger Reisen (www.wikinger-reisen.de) hat eine 16-tägige geführte Wanderreise nach Argentinien und Chile ab 5148 Euro im Angebot. Weitere Infos:

www.turismosalta.gov.ar

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