Starker Anstieg

Bis zu fünf Prozent konsumieren Missbrauchs-Darstellungen von Kindern

1775 von 1921 angezeigten Fällen konnten 2021 geklärt werden (Symbolfoto).
© Thomas Koehler/photothek.net

Mit der Anklage gegen Schauspieler Florian Teichtmeister ist die digitale Form des sexuellen Kindesmissbrauchs wieder in den Fokus gerückt. Bis zu fünf Prozent der Männer sollen derartige Darstellungen konsumieren. Das Bundeskriminalamt berichtet von stark steigenden Fallzahlen. Die Vielzahl der gemeldeten Verdachtsfälle stellt die Ermittler vor Herausforderungen.

Wien – In gut drei Wochen muss sich der Schauspieler Florian Teichtmeister wegen des Besitzes von 58.000 Missbrauchsdarstellungen Unmündiger und Minderjähriger vor Gericht verantworten. Er ist geständig, ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu zwei Jahre Haft. Bis zu fünf Prozent der Männer konsumieren sexuelle Missbrauchsdarstellungen von Kindern, sagte die Psychiaterin Sigrun Rossmanith im APA-Gespräch. Zwei bis fünf Prozent der Männer haben pädosexuelle Fantasien, erläuterte die Expertin.

Das Ansprechen auf den kindlichen Körper heißt nicht, dass jemand tatsächlich pädosexuell handelt.
Sigrun Rossmanith, Psychiaterin

Unterschieden werden muss zwischen Pädophilie – also der sexuellen Ausrichtung bzw. dem sexuellen Interesse an kindlichen Körpern – und Pädosexualität. Zweitere bezeichnet ein Verhalten, also die tatsächlich ausgelebte pädophile Sexualität. "Das Ansprechen auf den kindlichen Körper heißt nicht, dass jemand tatsächlich pädosexuell handelt", sagte Roßmanith. Nicht jeder, der Missbrauchsdarstellungen konsumiert, ist oder wird ein potenzieller Kindesmissbraucher, betonte die Psychiaterin. Man wisse aber, "dass fast jeder Sexualstraftäter Kinderpornos konsumiert hat".

Fallzahlen deutlich gestiegen

Die Fallzahlen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, bestätigte das Bundeskriminalamt am Montag. "Der vereinfachte Zugang zum Internet via Smartphones und anderer Geräte wie Tablets, aber auch die vermehrten Meldungen aus dem Ausland und die verbesserte internationale Kooperation mit den verschiedenen Organisationen und Behörden führen zu einem deutlichen Anstieg der Zahlen", hieß es. Wurden 2012 von der Statistik noch 572 bei den heimischen Behörden angezeigte Straftaten wegen illegaler pornografischer Darstellungen Minderjähriger (207a StGB) erfasst, wovon 535 geklärt werden konnten, waren es 2021 bereits 1921. Klären ließen sich davon 1775.

Über die im Bundeskriminalamt angesiedelte Meldestelle gegen Kinderpornografie sind 2022 insgesamt 336 Hinweise eingegangen. Das US National Centre For Missing And Exploited Children (NCMEC) hat dem Bundeskriminalamt 2021 5869 Verdachtsmeldungen übermittelt. Im Vorjahr waren es dann schon 10.130.

📽️ Video | Kindesmissbrauch: Zahl in Pandemie gestiegen

Aufklärungsquote 2021 bei über 90 Prozent

Seitens des Bundeskriminalamts zeigte man sich am Montag zufrieden, dass von den Fällen, die den heimischen Behörden bekannt werden, sich ein erheblicher Teil klären lässt. Die Aufklärungsquote lag in den vergangenen Jahren immer deutlich über 80 Prozent, 2021 bei 92,4 Prozent. Beim Bundeskriminalamt gibt es mit dem Referat für Sexualstraftaten und Online-Kindesmissbrauch eine eigens auf diese Deliktsform spezialisierte Ermittlungseinheit. Diese dient als österreichische Zentralstelle für die Auswertung von Meldungen zu Kinderpornografie und Kindersextourismus sowie zur Weiterleitung der Erkenntnisse an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden der Bundesländer.

Für die Ermittler stellen die Vielzahl an gemeldeten Verdachtsfällen eine enorme Herausforderung dar, hieß es am Montag. Jeder Verdachtsfall werde geprüft, erhärtet sich die Verdachtslage bzw. ist der Tatbestand des § 207a StGB erfüllt, werden strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet.

Dunkelziffer wohl enorm hoch

Expertinnen und Experten geben allerdings zu bedenken, dass hinsichtlich des Besitzes von sexuellen Missbrauchsdarstellungen von Kindern die Dunkelziffer enorm sein dürfte. Was das einschlägige Material betrifft, kann der Provider kontaktiert und die Löschung veranlasst werden, sofern der Server, auf dem sich die Dateien befinden, den Standort in Österreich hat. Liegt der Server im Ausland, ist eine Löschung oft schwierig oder gar unmöglich. Befindet sich der Host im Ausland, werden zwar die zuständigen Behörden via Interpol verständigt. Ob dann eine Löschung erfolgt oder erfolgen kann, obliegt der jeweils nationalen Rechtslage. Bilder, die sich einmal im Internet bzw. im Darknet befinden, verbleiben somit in der Regel weiterhin dort.

Was der Fall Teichtmeister für Opfer bedeutet

Teichtmeisters Anwalt betonte, dass dem Schauspieler ein rein "digitales" Delikt vorzuwerfen sei.
© FLORIAN WIESER

Opfer sexueller Missbrauchsdarstellungen könnten durch die Thematisierung des Falls Teichtmeister wieder an ihre eigene Situation erinnert werden, sagte Psychiaterin Roßmanith. Es könne aber auch dazu kommen, dass sie sich trauen, "endlich darüber zu sprechen und an die Öffentlichkeit oder in Therapie zu gehen". Wesentlich sei, "dass Opfer gesehen und wahrgenommen werden", betonte die Expertin. Von Tätern werde ihnen vermittelt, "dir glaubt eh niemand. Das wird verinnerlicht, sie schämen sich und sprechen nicht darüber", erläuterte die Psychiaterin.

Der Anwalt des Schauspielers hatte betont, dass Teichtmeister ein rein "digitales" Delikt vorzuwerfen sei. Opfer, die sich so schon nicht ernst genommen fühlen, würden somit als digitalisiert abgestempelt. "Es ist ja letztlich egal, ob das digitale Abbildungen sind, es handelt sich dabei um Menschen, die für etwas benützt worden sind – nämlich für die Lust und die Vorstellung eines anderen", sagte Roßmanith. (APA, TT.com)

⚠ Verdachtsfälle melden

Wer im Internet Texte oder Bilder mit sexuellen Missbrauchsdarstellungen von Kindern oder Jugendlichen entdeckt, sollte diese an meldestelle@interpol.at oder unter https://www.stopline.at/de/melden melden

🔗 Mehr zum Thema:

undefined

„Keine Toleranz“

Mayer zu Fall Teichtmeister: „Keine Verharmlosung und keine Toleranz“

undefined

Kinderpornografie

Fall Teichtmeister: Burgtheater setzt Kehlmanns "Nebenan" ab

undefined

📺 Anklage wegen Kinderpornographie

Fall Teichtmeister: „Corsage“ bleibt Österreichs Oscar-Kandidat

undefined

Anklage wegen Kinderpornographie

Schon länger Gerüchte über Teichtmeister: „Hat Vorwürfe bestritten“

undefined

Fotos aus dem Darknet

Schauspieler Teichtmeister wird wegen Kinderpornografie angeklagt

Verwandte Themen