Kolportierte 20.000 Euro: Superpacht für Vilsalpsee frei aus der Luft gegriffen
Tannheim – Das Naturidyll Vilsalpsee beschäftigt die Tannheimer Kommune seit Jahren (intensiv). Neben Felssturzsperren, Kuhattacken und Fahrverbotsdiskussionen stand vor allem der gemeindeeigene Gasthof Vilsalpsee auf der Daueragenda des Gemeinderats. Nach dem Neubaubeschluss führte das Siegerprojekt eines Architektenwettbewerbs zu groben Verwerfungen im Ort. Eine Volksabstimmung sollte das „neumodische Zeugs“ verhindern. Trotz mehrheitlicher Ablehnung durch die Bevölkerung standen die Mandatare zum Siegerprojekt, einem modernen, polygonalen Gebäude aus Holz. Dann kam die Preisexplosion. Aus geschätzten 3,5 wurden 5,5 Millionen – immerhin das Jahresbudget Tannheims. Heuer steigt das Haushaltsvolumen deshalb auf das Doppelte an. Zudem gibt es keine Förderungen für das Haus.
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Inzwischen ist die Bodenplatte betoniert. April/Mai soll der Holzbau aufgestellt werden. Bürgermeister Harald Kleiner rechnet damit, dass das Gebäude im Spätherbst in Betrieb genommen werden kann, wenn – und hier tut sich die nächste Hürde auf – jemand gefunden wird, der es überhaupt pachten will. Die Vorpächterin hat etwas anderes gefunden und kein Interesse mehr. Die Suche der Gemeinde im Allgäu und Außerfern nach Interessenten verlief bisher ergebnislos.
Die Gründe dafür könnten in einer allgemeinen Tourismusmüdigkeit liegen. 100 Sitzplätze innen und bis zu 200 auf der Terrasse bei 365 Öffnungstagen im Jahr könnten als harte Arbeit ausgelegt werden. „Auch eine gewisse Häme im Netz war nicht hilfreich. Von ,wüster Hülle‘ war da abwertend die Rede“, weiß Kleiner. Die kolportierte Pachtsumme von 20.000 Euro im Monat sei zudem vollkommen aus der Luft gegriffen. „Da hat jemand einfach unsere Kosten für die 30-jährige Gebäudeabschreibung eins zu eins in eine mögliche Pacht umgerechnet“, schüttelt der Bürgermeister den Kopf. Das habe man so nie behauptet. „Wichtig für uns ist, dass alles im Sinne des Naturschutzgebiets aufgesetzt und betrieben wird und das ganze Jahr offen hat. Die Pacht ist dann zweitrangig.“
Die Suche geht weiter. Man sei für alles offen. Sollte sich für Herbst niemand finden, weil Umsätze und mehr durch den Neustart mit dem extravaganten Gebäude nicht einschätzbar seien, kann sich BM Harald Kleiner auch vorstellen, dass die Gemeinde das Haus vorerst in Eigenregie mit einem Geschäftsführer führt. „In zwei Jahren wissen dann alle mehr.“