Beim Sorgentelefon für Bauern in Tirol ruft keiner wegen Wölfen an
Innsbruck – Weidende Kühe in der Berglandschaft, lächelnde Bäuerinnen und Bauern mit Rechen in der Hand, so werden die Landwirte in Tirol gerne dargestellt.
Brigitte Amort, Kammerrätin Grüne Bäuerinnen und Bauern, macht klar, dass das tatsächliche Bild oft ein ganz anderes ist: „Hält man Tiere, muss man ständig zu Melk- und Füttterungszeiten anwesend sein, dabei sind 80 Prozent der Tiroler Landwirte noch dazu berufstätig.“
Die Konsequenz sei mangelnde Freizeit, wenn alles normal laufe. „Verunglückt die Bäuerin oder der Bauer oder erkrankt jemand schwer, ist meist kein Krankenstand zur Erholung möglich.“ Abgesehen davon, dass Landwirte ungern um Hilfe bitten würden, bestehe ein großes Problem darin, dass die Kapazitäten bei der bäuerlichen Betriebshilfe rasch erschöpft seien. „Genau diese chronischen Überlastungen führen zu psychischer sowie körperlicher Krankheit und haben schwerwiegende Folgen für die bäuerliche Familie und den Betrieb.“
Die Plattform „Lebensqualität Bauernhof“ und das Sorgentelefon seien gute Ansätze, eine Vollzeitstelle reiche bei der Intensität der Probleme aber nicht aus. Es brauche dringend einen Ausbau aller psychosozialen Angebote für Landwirte.
Angelika Wagner, Mitarbeiterin der Landwirtschaftskammer und Psychotherapeutin, teilt sich mit einer Kollegin eine Stelle. Auf Anfrage der TT sagt sie zu den häufigsten Sorgen: Betriebsübergaben/Generationenkonflikt, Probleme in der Partnerschaft und Erschöpfung. „Bäuerinnen und Bauern haben die gleichen Sorgen wie andere Berufsgruppen, aber es gibt andere Herausforderungen.“ Wegen des Wolfs habe noch keiner angerufen, erklärt sie auf Nachfrage.
Man sei keine Konkurrenz zur sehr guten psychosozialen Versorgung, sondern leite Hilfesuchende auch weiter. „Am Bauernhof leben oft vier Generationen. Die Älteren wollen einen Vollbetrieb mit Milchwirtschaft, die Jüngeren etwa Nebenerwerb mit Mutterkuhhaltung und Schafen.“
Viele Partnerkonflikte seien aufs Verschwimmen von Privat- und Berufsleben zurückzuführen. „Es ist oft so, dass die Mutter bei den Jungbauern die zentrale Rolle spielt.“ Sie habe in Rotholz unterrichtet und die SchülerInnen gefragt, ob sie beim Ausgehen sagen, dass sie Bauern sind. Deren Antwort: „Nein, dann kriegt man ja niemanden.“ Das bäuerliche Selbstbewusstsein müsse gestärkt, es müsse mit offenen Karten gespielt werden: Ein Bauer gehe auch einmal in den Stall, bevor sich das Paar gemeinsam um Kinder und Haushalt kümmern könne. Wobei immer mehr Landwirte die Kinder bei der Arbeit am Hof mitnehmen würden, so Wagner. Bauern gingen auch häufiger in Väterkarenz.
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