Heinz Faßmann im TT-Interview: „Wissenschaft muss unparteiisch sein“
Der frühere Minister und jetzige Präsident der ÖAW, Heinz Faßmann, über die Trennung von Politik und Wissenschaft sowie grüne Gentechnik.
Die Wissenschaftsskepsis in Österreich ist im EU-Vergleich hoch. Warum ist das so?
Heinz Faßmann: Die Menschen waren nicht immer so skeptisch. Gerade am Beginn der Corona-Pandemie, als die Wissenschaft sehr hilfreich war bei der Aufklärung über das Virus und letztlich auch bei der Entwicklung von Impfstoffen, waren sehr viele von der Wissenschaft angetan. Die Stimmung kippte parallel zur politischen Stimmung. Wissenschaft wird als ein Teil eines obrigkeitlichen Systems wahrgenommen. Wo die Skepsis gegenüber Politikern und Politikerinnen zugenommen hat, hat auch die Skepsis gegenüber Wissenschaft zugenommen.
Die Wissenschaft wird also mit der Politik in einen Topf geworfen. Hätte sich die Wissenschaft besser abgrenzen sollen?
Faßmann: Das sind Lehren, die wir noch ziehen werden. Die Frage ist: Wie weit kann man diese Rollentrennung – Politik auf der einen Seite und Wissenschaft auf der anderen – durchziehen? Da haben wir sicherlich dazugelernt: Man soll diese klare Trennung von Wissenschaft und Politik konsequent einhalten.
Sie haben es schon angesprochen. Laut dem aktuellen „Wissenschaftsbarometer“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) wird die Wissenschaft von rund einem Drittel der Befragten als Teil einer „Elite“ gesehen. Was muss die Wissenschaft tun, um dieses Image loszuwerden bzw. näher an den Menschen zu sein?
Faßmann: Sie muss ihre wissenschaftlichen Ergebnisse unmittelbar und direkt den Menschen erklären – und das in einer Sprache, die für viele verständlich ist. Daher ist die Öffentlichkeitsarbeit in den Institutionen wichtig. Das Erklären, das Hinausgehen aus dem Elfenbeinturm und zu den Menschen zu sprechen ist Teil unserer Aufgabe.
Muss die Wissenschaft auch lauter sein?
Faßmann: Verständlicher muss sie sein. Manchmal ist es auch gut, wenn die Wissenschaft personalisiert ist – also wenn es Erklärer gibt. Unser Nobelpreisträger Anton Zeilinger etwa – das ist eine Person, die in der Öffentlichkeit erkannt wird. Aber wichtig ist das Hinausgehen.
Zur Person
Heinz Faßmann: Der 67-Jährige hat in Wien Geografie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte studiert. Von 2011 bis 2017 war Faßmann Vizerektor der Uni Wien. Von dort wechselte der Parteilose auf einem ÖVP-Ticket ins Kabinett Kurz I und wurde dort Bildungs- und Wissenschaftsminister. Seit 2022 ist er Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Apropos Hinausgehen: Forschende gehen hinaus und solidarisieren sich mit Klimaaktivisten. Ist das der richtige Weg?
Faßmann: Sie gehen zwar hinaus, manche schlagen sich aber auf eine politische Seite. Mein Weg wäre das nicht. Es ist wichtig, der Politik Optionen aufzuzeigen, etwa wohin bestimmte Entwicklungen gehen und wohin bestimmte politische Maßnahmen führen würden. Die Entscheidung über Optionen obliegt aber der Politik, denn sie ist dafür gewählt worden und kann dafür auch abgewählt werden. Dahingehend gibt es eine feine, aber wichtige Rollentrennung zwischen den unterschiedlichen Aufgaben – die einen beraten und die anderen entscheiden. Da würde ich auf Einhaltung plädieren.
Sie haben kürzlich in einem Gastbeitrag geschrieben: „Das Vertrauen der Österreicherinnen und Österreicher in die Wissenschaft ist mäßig.“ Was ist nötig, um Vertrauen zu gewinnen?
Faßmann: Die Wissenschaft muss letztlich unparteiisch sein, objektiv bleiben und Dinge aufzeigen, aber sich auch nicht in den Verdacht begeben, man sei Teil einer bestimmten politischen Bewegung.
Was meinen Sie damit? Sie waren in der Wissenschaft tätig, dann eine Zeit lang für die ÖVP Bildungs- und Wissenschaftsminister, jetzt sind Sie wieder in der Wissenschaft.
Faßmann: Da habe ich unterschiedliche Rollen eingenommen. Als Bildungsminister war ich nicht als Wissenschafter tätig – das war eine Phase in meinem Leben. Wogegen ich mich wehren würde, ist, wenn man nicht genau weiß, ob der Faßmann jetzt eigentlich Wissenschafter ist oder Politiker. Das wäre nicht gut. Eine klare Trennung ist ganz wichtig.
Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) sagte, man sei in der Pandemie „expertenhörig“ gewesen. Das sorgte für scharfe Kritik aus der Wissenschaft. Nehammer wolle die Verantwortung der Coronavirus-Politik auf die Wissenschaft abschieben, hieß es. Muss die Wissenschaft besser kommunizieren, dass Politiker die Entscheidungen treffen?
Faßmann: Manche Worte und Begriffe, die in der Hitze der Diskussion fallen, würde ich nicht auf die Goldwaage legen. Es ist aber klar: Der Kanzler, die Bundesregierung, der Bildungsminister entscheiden. Sie können und sie sollen sich beraten lassen von der Wissenschaft und versuchen, die Evidenzen, die die Wissenschaft ermittelt, in politische Entscheidungen einfließen zu lassen. Aber am Ende des Weges ist eine politische Entscheidung zu treffen, wofür die Politik auch die Verantwortung trägt.
Sie sollen auch am „Zukunftsplan“ von Kanzler Nehammer mitarbeiten. Ist schon klar, was genau Sie da machen?
Faßmann: Nein. Dieser Zukunftsplan ist zunächst einmal eine Ankündigung gewesen in seiner Ansprache. Ich bin gefragt worden, ob ich mitmachen möchte. Ich habe zugesagt, weil es wichtig ist, dass die Wissenschaft und die Forschung in der Frage, wohin sich Österreich in den nächsten Jahrzehnten entwickeln soll, eine Stimme haben. Man soll es hier nicht anderen Bereichen überlassen, über Wissenschaft und Forschung zu sprechen.
Laut EU-Plänen soll noch heuer eine überarbeitete Richtlinie zu gentechnisch veränderten Pflanzen vorgelegt werden. Forscher hoffen auf liberale Regeln, damit sie einfacher arbeiten können. In Österreich ist die Ablehnung gegenüber Gentechnik besonders groß.
Faßmann: Wir hatten vor 25 Jahren ein Volksbegehren, welches die Ablehnung der Gentechnik zum Inhalt hatte und auf breite Zustimmung stieß. In Österreich ist die Ablehnung der Gentechnik ausgeprägter als in Deutschland und der Schweiz. Es hat aber sehr viel wissenschaftlichen Fortschritt gegeben in dem Bereich. Man sollte daher genauer prüfen, was im Bereich der Pflanzenzucht möglich ist und welche Vorteile entstehen, ohne dass die Umwelt oder die Menschen gefährdet werden.
Zum Beispiel?
Faßmann: Züchtungsziele sind zum Beispiel Pflanzen, die resistenter gegenüber Schädlingen sind, oder dass man den Ertrag steigern kann ohne zusätzlichen Einsatz von Pestiziden.
Das alles durch grüne Gentechnik?
Faßmann: Ja, aber Züchtung hat es schon immer gegeben. Bisher war eben viel Zufall dabei. Die neue Gentechnik liefert uns die Möglichkeit, spezifischer und gezielter ohne große Streuverluste zu züchten. Das erscheint mir plausibel. Mein Plädoyer ist: Hört die Wissenschaft und nicht nur die NGOs und Interessengruppen. Meiner Ansicht nach haben unsere Pflanzenbiologen bisher zu wenig Gehör gefunden. Das mahne ich ein. Was die Biologen wollen, ist, dass man den Output kritisch betrachtet und nicht den Input. Also nicht die Zuchtmethode ist entscheidend, sondern das Ergebnis. Welche Eigenschaft hat eine neue Züchtung? Ist sie gefährlich für Mensch und Umwelt? Erfüllt sie auch die Ziele, die man in sie gesteckt hat? Das soll kritisch reflektiert werden und nicht, ob eine Genschere zum Einsatz gekommen ist oder eine Zufallsmutation stattgefunden hat.
Kritiker der Gentechnik führen an, dass große Saatguthersteller ihre Produkte patentieren und so Menschen in die Abhängigkeit treiben.
Faßmann: Ein wichtiger Punkt, aber diese Frage kann und muss rechtlich geregelt werden. Deswegen brauchen wir diese Diskussion und man soll nicht gleich Nein sagen.
Das ist alles sehr widersprüchlich. Einerseits ist die Ablehnung gegen Gentechnik groß, andererseits haben zwei Forscherinnen 2020 den Nobelpreis für die Genschere bekommen, die sie zum Teil in Wien entwickelt haben.
Faßmann: Wir sind ein Forschungsland mit beachtlichen Forschungsleistungen und beachtlichem finanziellen Input. Und gleichzeitig sind wir in manchen Bereichen skeptisch gegenüber den eigenen Leistungen. Aber das ist vielleicht Österreich.
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