Museum der Moderne am Salzburger Mönchsberg: Mit den Fingern entdecken
Unbekanntes aufspüren und Bekanntes wiedersehen: Zur Festspielzeit ist auch in den Ausstellungshäusern Salzburgs Hochbetrieb. Ein Rundgang mit Start am Mönchsberg.
Innsbruck – Maria Bartuszová war es zeitlebens wichtig, Kunst zu schaffen, die mit allen Sinnen wahrgenommen werden kann. Sie wollte mit ihrer Arbeit eine Erfahrung provozieren, in der „die äußere Welt auf die innere Welt trifft“. Schon in den 1960ern fertigte sie spezielle Objekte für Workshops mit Blinden und sehbehinderten Kindern. Die Plastiken aus feinem Gips oder kühlem Metall waren von natürlichen Formen inspiriert und stellten übergroße Weizenkörner oder Tropfen dar, die völlig unbedarft mit den Fingern ertastet werden durften. Bei anderen Werken geht es darum, Teile komplett intuitiv zusammenzufügen. Im Spielerischen hatte die Karriere der Künstlerin überhaupt erst begonnen. In unzähligen Materialexperimenten entwickelte sie völlig neue Formen des Gipsabgusses. Für ihre Spätwerk-Serie der „endlosen Eier“ etwa ließ sie reihenweise Luftballone platzen, über den sie vorher eine dünne Gipsschicht gezogen hatte. Entstanden sind mit dieser Technik der „Gravistimulation“ fragile Plastiken ähnlich aufgeplatzten Eierschalen, die nun erstmals im deutschen Sprachraum gezeigt werden. Zu sehen sind insgesamt 76 Werke von Bartuszová noch bis Anfang 2024 im Museum der Moderne (MdMS) am Salzburger Mönchsberg.
Eingefädelt hat das Harald Krejci, der das Haus mit seinen zwei Standorten 2023 als Direktor übernahm. Von der Tate Modern in London holte er die Bartuszová-Personale nach Salzburg, weil sich dort durch Verschiebungen ein Zeitfenster auftat, heißt es im Museum. Eine Entdeckung bleibt Bartuszová auch auf österreichischem Boden. Wie so viele Künstlerinnen vor ihr hat sie ihre Würdigung auf internationaler Ebene selbst gar nicht miterlebt. Bartuszová (geboren 1936) verstarb 1996 in ihrer Wahlheimat Košice, in der heutigen Slowakei.
Neben ihren reizvollen, scheinbar geschnürten Kleinplastiken und den imposanten Großformaten ist es wohl auch Bartuszovás didaktischer Ansatz, mit dem Krejci im MdMS einen programmatischen Akzent setzen will. Neuen Vermittlungsformaten stand man im MdMS schon vorher offen gegenüber, die Aufgabe, neues Publikum auf den Mönchsberg und ins Rupertinum zu locken, aber bleibt. Zusammenarbeit mit Salzburger Initiativen von Mozarteum bis SZENE Salzburg gehört dazu, das zeigt nicht nur die Gruppenschau „Arch of Hysteria“, sondern vor allem die Personale zu Marinella Senatore – beide Ausstellungen sind derzeit auf dem Mönchsberg zu sehen. Im Sommer testet das MdMS zudem freien Eintritt für Jugendliche bis 19 Jahren.
Zur Festspielzeit bleibt es bei verlängerten Öffnungszeiten, täglich kann man derzeit dem besonderen Werk von Bartuszová begegnen, dessen 30-jährige Karriere vom totalitären System in der einstigen Tschechoslowakei geprägt war. Erst eine Lockerung der Zensur führte zu einer Art Aufbruchsstimmung in der Kunstszene der 1960er. Für KünstlerInnen wurde es möglich, auch abseits von Sozialistischem Realismus Kunst zu machen. Bartuszová beschäftigte sich also mit ostasiatischer Philosophie, der Psychoanalyse und letztlich vor allem mit der Natur selbst, von der sie zumindest formal nie wegkommt. Unweigerlich wird man an die hochpolierten Formen von Constantin Brâncus¸i oder Henry Moore erinnert.
Kunstgeschichtliches Vorwissen braucht diese Ausstellung aber nicht. Ganz augenscheinlich sind es die Gegensätze weich und hart, fließend und starr, kalt und weich, die Bartuszová in ihren Plastiken Objekt werden lässt. Wie sich die anfühlen, kann man sich zumindest vorstellen. Im „Creative Space“ kann man das Material dann auch innerhalb der Ausstellung mit den eigenen Händen erfühlen.
📍 Museum der Moderne am Mönchsberg. Mönchsberg 32, Salzburg; bis 7. Jänner, Öffnungszeiten während der Festspiele: tägl. 10–18 Uhr.
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